Der Kreislauf als Wirtschaftsmotor

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Die Kreislaufwirtschaft wird vor allem in Bezug auf Ressourcen und Umweltschutz diskutiert. Zwei aktuelle Studien zeigen, dass sie aber noch mehr Potenzial bietet: Mithilfe der Kreislaufwirtschaft ist in Europa in den nächsten 30 Jahren ein erhebliches Wirtschaftswachstum möglich, das zudem zahlreiche Arbeitsplätze schaffen kann. Eine Analyse des RECYCLING Magazins 19/2015

Wenn über die Kreislaufwirtschaft diskutiert wird, steht meistens der Kreislauf im Mittelpunkt, weniger die Wirtschaft. Neben dem Ressourcenbedarf, der mittelfristig auf dem herkömmlichen Weg nicht mehr sichergestellt werden kann, spielen Fragen des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden eher am Rande diskutiert und als eine Art positiver Nebeneffekt gesehen. Studien der britischen Non-Prof it-Organisation Wrap sowie der Ellen-MacArthur-Stiftung und McKinsey machen aber deutlich, dass durchaus ein enormes wirtschaftliches Potenzial in der Kreislaufwirtschaft steckt – vielleicht mehr, als man bisher vermutet hatte.

Die Wrap-Studie „Economic growth potential of more circulareconomies“ (deutsch: ökonomisches Wachstumspotenzial durch mehr Kreislaufwirtschaft) befasst sich ausschließlich mit der Frage nach Arbeitsplätzen. Basierend auf einer Untersuchung für Großbritannien hat sich die Organisation nun mit der Frage des Job-Potenzials in Europa beschäftigt. So sei die Arbeitslosigkeit 2014 in allen europäischen Ländern höher gewesen als vor der Finanzkrise 2008 – mit Ausnahme von Deutschland. Eine Kreislaufwirtschaft würde einen höheren ökonomischen Wert schaffen, dabei aber weniger Ressourcen und stattdessen mehr Arbeitskräfte benötigen, so die Argumentation. Die klassische lineare Wirtschaft hingegen versuche, möglichst wenig Arbeitskräfte einzusetzen.

Als positives Beispiel führen die Autoren die Recyclingwirtschaft an, in der sich die Zahl der Beschäftigten in Europa von 177.000 im Jahr 2000 auf 301.000 im Jahr 2007 gesteigert habe. Die derzeitige Arbeitslosenquote wird für Europa mit 10 Prozent oder 25 Millionen Menschen angegeben. Dabei sind die Unterschiede dramatisch. Die höchsten Arbeitslosenquoten haben demnach derzeit Griechenland (26 Prozent), Spanien (24 Prozent), Kroatien (17 Prozent), Zypern (16 Prozent) und Portugal (14 Prozent). Die geringsten Quoten haben Deutschland (5 Prozent), Österreich, Malta, die Tschechische Republik und Großbritannien (je 6 Prozent).

Eine weitere Unterscheidung betrifft die Qualifikation der Arbeitskräfte. Grundsätzlich gilt: Je höher die Qualifikation, desto geringer die Arbeitslosigkeit. Allerdings trifft dies nur bedingt zu. Zwar sind die Arbeitslosenzahlen bei Führungskräften und Spezialisten er wartungsgemäß am geringsten (europäischer Durchschnitt 1,2 und 38 Prozent), am höchsten sind sie aber nicht bei ungelernten Arbeitern (10,8 Prozent), sondern bei angelernten Kräften vor allem in Verkauf und Dienstleistung (17,2 Prozent). Generell sei ein Rückgang bei den Arbeitsplätzen im mittleren Segment festzustellen.

Als Tätigkeiten in der Kreislaufwirtschaft werden in der Studie folgende Bereiche gewertet:

  • Recycling (Handel mit Sekundärrohstoffen, Abfallwirtschaft, Recycling)
  • Reparatur (Reparatur von Maschinen, Anlagen, Elektronik- und Haushaltsgeräten)
  • Wiederverwendung (Verkauf von gebrauchten Gütern)
  • Dienstleistung (Vermietung, Leasing)

Derzeit seien in diesen Bereichen 3,4 Millionen Menschen in Europa beschäftigt. Davon entfallen etwa 1,2 Millionen auf den Reparatursektor Maschinen und weitere 400.000 auf die Reparatur von Elektronik- und Haushaltsgeräten. 1 Million Arbeitsplätze entfallen auf Abfallwirtschaft, Recycling und Sekundärrohstoffhandel, 600.000 auf den Dienstleistungsbereich und 100.000 auf die Wiederverwendung. Dabei entspricht die Verteilung von Arbeitsplätzen in der Kreislaufwirtschaft in etwa der generellen Arbeitsmarktlage in den jeweiligen Ländern.

Bis zu 3 Millionen Arbeitsplätze

Im Folgenden entwickelt die Studie drei Szenarien, wie sich die Kreislaufwirtschaft bis 2030 entwickeln könnte – und welche Auswirkungen dies auf den Arbeitsmarkt haben könnte.

Das erste Szenario geht davon aus, dass es keine neuen Initiativen zur Kreislaufwirtschaft gibt, es durch Verbesserungen in den bestehenden Aktivitäten aber zu einer leichten Zunahme kommt, vor allem im Recycling, im Reparatur-und im Reuse-Bereich. Daraus ergäbe sich eine Zunahme von 250.000 Arbeitsplätzen bis 2030 und eine Reduzierung der Arbeitslosigkeit um 64.000 (Netto-Arbeitsplatzgewinnung).
Szenario 2 geht davon aus, dass sich die Kreislaufwirtschaft mit dem derzeitigen Tempo weiterentwickelt. Auch dies würde vor allem große Fortschritte beim Recycling und erkennbare Fortschritte in allen anderen Bereichen bedeuten. Dies würde zu 1.200.000 Arbeitsplätzen führen mit einer Netto-Arbeitsplatzgewinnung von 250.000.
Das dritte Szenario geht von einer tatsächlichen Transformation zu einer Kreislaufwirtschaft aus, in dem alle relevanten Bereiche eindeutliches Wachstum aufweisen würden und was zu etwa 3.000.000 Millionen Jobs bei einer Netto-Arbeitsplatzgewinnung von 520.000 führen würde.

Angemerkt wird noch, dass vor allem Reuse und Recycling sich positiv auf strukturelle Arbeitslosigkeit auswirken, da diese Tätigkeiten meistens lokal und regional ausgeübt werden. Zudem würden sich in diesem Bereich Arbeitsplätze für ungelernte Kräfte ergeben.

Potenzial_Arbeitsplätze

Wachstum von innen heraus

Eine etwas breitere Perspektive hat die Studie „Growth within: A circular economy vision for a competitive Europe“ (Deutsch: Wachstum von Innen: Eine Kreislaufwirtschafts-Vision für ein wettbewerbsfähiges Europa), die der Stiftungsfond für Umweltökonomie und Nachhaltigkeit, die Ellen-MacArthur-Stiftung, McKinsey und das Institut für Arbeitsforschung erstellt haben. Hier geht es um die Frage, wie sich die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft auf das wirtschaftliche Wachstum in Europa auswirken kann.

Das Ergebnis vorweg: Vor allem angetrieben durch die technologische Revolution sieht die Studie Potenzial für eine jährliche Steigerung der Ressourcenproduktivität von drei Prozent. In Summe wären dies 0,6 Billionen Euro pro Jahr. Hinzukämen weitere indirekte Effekte in Höhe von 1,2 Billionen Euro jährlich. Damit würde das Bruttoinlandsprodukt um 7 Prozent steigen. Die Studie fokussiert sich dabei auf die Bereiche Mobilität, Lebensmittel und Gebäude und betrachtet daran die Potenziale im Detail. Diese drei Bereiche machen 60 Prozent der Ausgaben europäischer Haushalte aus und 80 Prozent des Ressourcenverbrauchs. Das Ergebnis sind verschiedene Schlussfolgerungen, wie sich das immense Potenzial der Kreislaufwirtschaft heben lässt. Dabei wird aber auch deutlich, dass Kreislaufwirtschaft hier erheblich weiter verstanden wird, als lediglich Rohstoffe in einem Kreislauf zu halten.

Bisher noch kein Kreislauf

Die Europäische Wirtschaft ist nach wie vor sehr verschwenderisch und arbeitet im Wesentlichen noch in einem linearen Modell. 2012 verbrauchte der durchschnittliche Europäer 16 Tonnen Rohstoffe. 60 Prozent der Abfälle wurden deponiert oder verbrannt, lediglich 40 Prozent wurden aufbereitet oder wiederverwendet. Gemessen am Wert gingen 95 Prozent des Materials und der Energie verloren. Und selbst bei Materialien, die inzwischen als Erfolgsmodelle des Recyclings gelten (Stahl, PET, Papier), gehen zwischen 30 und 75 Prozent nach dem ersten Gebrauch verloren. Und auch in anderen Bereichen, die als ausgereift und optimiert gelten, nehme die Verschwendung ungeahnte Ausmaße an.

So steht beispielsweise das durchschnittliche europäische Auto 92 Prozent seiner Lebenszeit ungenutzt herum, 31 Prozent der Lebensmittel gehen in der Wertschöpfungskette verloren und das durchschnittliche Büro wird nur zu 35 bis 50 Prozent genutzt. Die Kosten, die in den drei Bereichen (Mobilität, Lebensmittel, Gebäude) entstehen, beziffert die Studie mit 7,2 Billionen Euro jährlich. Davon entfallen 1,8 Billionen auf Material, 3,4 Billionen auf weitere Haushalts- und Regierungsaufwendungen sowie 2,0 Billionen auf externe Faktoren wie Verkehrsstörungen, CO2-Ausstoß oder Lärmbelästigungen.

Entwicklungsszenarien

Wandel durch Digitalisierung

Disruptive Technologien und Geschäftsmodelle könnten die Ressourcenproduktivität der europäischen Wirtschaft verbessern und die jährlichen Kosten für die drei Sektoren um 0,9 Billionen Euro senken. Als Beispiele werden die Reduzierung der Kosten pro Auto-Kilometer von bis zu 75 Prozent genannt, was durch Carsharing, Elektrofahrzeuge und autonomes Fahren möglich wäre. Bei den Lebensmitteln könnte eine präzisere Landwirtschaft Wasser und Düngemittel bis zu 30 Prozent effizienter einsetzen und in Kombination mit Direktsaat-Verfahren die Kosten für Maschinen um bis zu 75 Prozent verringern. Mit modularen und industriellen Herstellungsverfahren könnten Baukosten um 50 Prozent gesenkt werden, Passiv-Häuser könnten zudem den Energieverbrauch um 90 Prozent senken. Hier sei es aber dringend notwendig, die neuen Technologien in Planungen und Gesetze einzubeziehen, da sie andernfalls ihre Wirkung nicht entfalten können. Zudem müsse man mit Rebound-Effekten rechnen: Wenn die Preise sinken, steigt die Nachfrage, was im schlimmsten Falle die positiven Effekte vollständig ausgleichen würde.

Die neuen Technologien und Geschäftsmodelle müssten zudem auf eine Art in die Wirtschaft integriert werden, dass nach den Regeln der Kreislaufwirtschaft vorhandene Ressourcen optimal genutzt werden. Daher spricht die Studie auch von einem Wachstum von innen – einen möglichst hohen Gewinn aus den schon vorhandenen Produkten und Materialien ziehen. Eine längere Nutzung von Produkten würde zudem negativen Systemeffekten entgegenwirken.

Inlandsmaterialverbrauch

Nicht zum Nulltarif

Die Studie warnt zudem vor Übergangskosten, die durchaus erheblich sein können. Zwar gäbe es keine Zahlen für die gesamte Kreislaufwirtschaft, anhand einiger Beispiele werden aber die Größenordnungen verdeutlicht. So schätzt die britische Regierung die Kosten für ein vollständiges und effizientes Reuse- und Recycling-System auf 14 Milliarden Euro, hochgerechnet auf Gesamteuropa wären es 108 Milliarden Euro. Die Energiewende in Deutschland hat von 2000 bis 2013 123 Milliarden Euro an Einspeisevergütungen gekostet. Allerdings bleibe zu klären, inwieweit derartige Kosten zusätzlich anfallen und inwieweit sie als Stimulator für die Kreislaufwirtschaft dienen können. Zudem könnten beispielsweise die Pläne der EU in Bezug auf einen digitalen Markt und die Energieunion zu einer Basis-Infrastruktur für ein regeneratives und virtualisiertes System führen. Allerdings sei klar, dass die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft hohe Kosten mit sich bringe.

Laut der Studie gibt es zahlreiche gute Gründe, warum gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel zur Kreislaufwirtschaft sei. So seien viele notwendige Technologien ausgereift. Investitionen in die Kreislaufwirtschaft würden die europäische Wirtschaft stimulieren. Zudem erfahre Europa gerade einen deutlichen Wechsel im Konsumentenverhalten; Unternehmen verändern ihre Strategien und Geschäftsmodelle gehen weg vom reinen Produktverkauf zu nachhaltigeren Konzepten. Die nachgebenden Rohstoffpreise böten zudem die Möglichkeit, regulatorische und marktbedingte Störungen zu beseitigen. „Eine Kreislaufwirtschaft scheint vielversprechend zu sein für Europa, bedarf aber des Verzichts auf viele Überzeugungen, die unter dem alten Wirtschaftsparadigma geformt wurden. Das Kreislaufparadigma bietet Ressourcenunabhängigkeit, Innovation, Beschäftigung und Wachstum. Aber die Steuerung durch den Wandel bleibt eine große Herausforderung auf vielen gesellschaftlichen Ebenen“, so die Studie

Bereitschaft zum Wandel?

Die Potenziale sind da, sie müssen nur gehoben werden – so einfach könnte man die Studien zusammenfassen. Allerdings stehen dem letztlich doch noch deutlich mehr Faktoren im Weg als beide Studien einräumen. Entscheidend ist letztlich eine Verhaltensänderung, aber eben nicht nur beim Konsumenten. Auch in Wirtschaft und Politik hat man es sich in der linearen Welt bequem eingerichtet – so mancher wird auf diesen gewohnten Luxus wohl nicht verzichten wollen.

Autor

Michael Brunn ist Chefredakteur des RECYCLING Magazins. Der Artikel erschien erstmals im RECYCLING magazin 19 | 2015. Michael Brunn per E-Mail: michael.brunn@recyclingmagazin.de

 

 

One thought on “Der Kreislauf als Wirtschaftsmotor”

  1. Danke für die exzellente Zusammenfassung der aktuellen Studien zur Circular Economy (CE)!

    Das Arbeitsplatzpotential für Österreich wäre laut WRAP-Studie im Szenario 3 (ambitioniert) 55.000 NEUE Arbeitsplätze zu den 62.000 bereits Bestehenden in den Bereichen der CE.

    Ich möchte unbedingt anregen, dass wir für Österreich auf der Basis der europäischen Studien eine etwas detailliertere Studie erarbeiten lassen, in der auf unsere spezifischen nationalen Rahmenbedingungen noch präziser eingegangen wird, um daraus Politikempfehlungen abzuleiten. Denn es sollte nicht so sein, dass sich um die CE in Österreich nur das Umweltministerium kümmern soll, hier gehören auch das Wirtschaftsressort und das Arbeitsmarktressort unbedingt eingebunden!

    Denn nicht zuletzt entstehen durch das Job-Potential auch neue Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und Integrations-Chancen für Langzeitarbeitslose (50+!!!) und andere benachteiligte Gruppen am Arbeitsmarkt. Hier steht die österreichische Sozialwirtschaft bereit, in den Feldern Re-Use, Reparatur, Secondhand, ReDesign, Upcycling und Verleih neue Arbeits- und Integrationsmöglichkeiten zu schaffen. Dafür braucht sie aber Unterstützung auch aus Wirtschafts- und Umweltressorts statt wie bisher fast ausschließlich aus dem Sozialressort, zum Beispiel durch soziale Vergabekriterien bei öffentlichen Ausschreibungen, Stop der Diskriminierung von Re-Use zum Vorteil von Recycling, Umsetzung der in der WEEE-directive gesetzlich geforderten Kostentragung nicht nur für Recycling sondern auch für Vorbereitung zum Re-Use durch Hersteller von Elektrogeräten, flächendeckender Vollzug der EAG-Verordnung auf Gemeindeebene (Weitergabe re-use-fähiger Geräte an Re-Use-Betriebe!), Einbeziehung der 1:1-Rücknahmestellen des Handels in die Re-Use Verpflichtung etc.

    Derzeit ist alles noch auf Recycling ausgerichtet, Re-Use ist in der Abfallwirtschaft so neu, dass die bestehenden Strukturen dafür schlicht nicht passen, ja Re-Use “stört” sogar die langjährig gut eingespielten Recyclingstrukturen. Das muss anders werden – in den 90ern musste Recycling mittels hoher ALSAG-Beiträge künstlich gegenüber der billigeren Deponierung bzw. Verbrennung bevorzugt werden das war auch richtig so – jetzt muss mit ähnlichen Lenkungsstrategien die Vorbereitung zum Re-Use gegenüber dem Recycling klar bevorteilt werden!

    Meint
    Matthias Neitsch, RepaNet

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