Globale Implikationen von Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility – unternehmerische Nachhaltigkeit

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Im Grünbuch ‘Nachhaltiges Recycling von Glasverpackungen in Österreich. Best in Glass.’ werden die Implikationen von Nachhaltigkeit – also die ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte der menschlichen Aktivitäten – global betrachtet und unternehmerische Handlungsmöglichkeiten vorgestellt.
Der folgende Text greift den Aspekt Wirtschaft heraus. (Er entspricht dem Kapitel 2.3 im Grünbuch, S 29ff).

3-SäulenNH_ökonomie

3 Wirtschaft

3.1 Einleitung

Das Wirtschaftssystem allgemein und Unternehmen im Speziellen spielen eine Schlüsselrolle bei der Anpassung unserer Gesellschaft an eine umweltverträgliche, ökologisch zukunftsfähige Ressourcennutzung sowie eine sozial gerechte, weltweit faire und humane nachhaltige Entwicklung.
Auf der betrieblichen Ebene veranschaulicht das CSR-Reifegradmodell nach Andreas Schneider (2012) die unterschiedlich hohen Ausprägungen des Engagements von Unternehmen und ihrem Nutzen und den Mehrwert für Umwelt und Gesellschaft:

Reifegradmodell CSR

CSR 0.0: Spiegelt gesellschaftliches Engagement von Unternehmen wider, das weder bewusst gelebt noch gemanagt wird, sondern durch die (passive) Einhaltung der gesetzlichen Normen und Regelungen quasi per se oder wenn, dann zufällig entsteht.

CSR 1.0: Philanthropische CSR, unsystematische und lose CSR-Maßnahmen ohne (Management-)System, die meist außerhalb des Kerngeschäfts „passieren” oder auf Druck von außen als „notwendig” empfunden werden wie Spenden, Sponsoring und Mäzenatentum. Auch Corporate Citizenship, also „bürgerschaftliches Engagement”, fällt weitgehend in die Kategorie der CSR 1.0, sofern kein strategisches, integriertes Managementsystem dahintersteht. Philanthropische CSR ohne Wirkung auf das Kerngeschäft ist streng genommen ein Kostenfaktor – oft mit beschränkter Wirkung für die Gesellschaft und meist geringem Nutzen für das Unternehmen. Das Bewusstsein und Verständnis von CSR 1.0 drückt sich in der Meinung aus, dass man sich Nachhaltigkeit und CSR „leisten können muss” bzw. gesellschaftliche Verantwortung – auf dem Rücken der Unternehmen – eben kostet.

CSR 2.0: Unternehmerische und gesellschaftliche Wertschöpfung durch ein integriertes CSR-Management mit strategischer Ausrichtung auf das Kerngeschäft. CSR 2.0 spielt sich im Kerngeschäft, systematisch, als integriertes zukunftsgerichtetes, strategisches Managementkonzept mit Führungs- und Gestaltungsauftrag der obersten Leitung ab. Ziel von CSR 2.0 ist es, einen ganzheitlichen Blick vom und auf das Unternehmen zu bekommen und in weiterer Folge eine Balance zwischen den drei Säulen der Nachhaltigkeit herzustellen im Sinne eines aktiven, „dialektischen” Verantwortungsmanagements. CSR wird als wesentlicher Strategiefaktor der Gewinnerzielung im Kerngeschäft verfolgt, also mit der Bereitstellung von Produkten und Dienstleistungen, die per se einen nachhaltigen Nutzen für die Gesellschaft schaffen. CSR 2.0 denkt daher auch langfristig (in Generationen und nicht nur in Quartalen) und entscheidet unter CSR-Gesichtspunkten, was mit den nachhaltig erwirtschafteten Gewinnen gemacht wird – z. B. zur Entwicklung und Innovation nachhaltiger Produkte, in Form von ethischer Veranlagung oder der Investition in Mitarbeiter/-innen und Gesellschaft. Wichtig zu betonen ist, dass CSR 2.0 dem Unternehmen langfristig wirtschaftlich nicht nur nutzen darf, sondern sogar nutzen muss!

CSR 3.0: Das Unternehmen versteht sich – auf der Basis von betrieblich gelebter CSR 2.0 – darüber hinaus als proaktiver politischer Akteur, als antizipativer, wirtschafts-, gesellschafts-und umweltpolitischer Gestalter von gesellschaftlichen Herausforderungen im Rahmen seiner Einflussmöglichkeiten. Der Anspruch von CSR 3.0 ist die Veränderung politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen zugunsten global nachhaltiger Entwicklung. CSR 3.0 ist die Teilhabe der Unternehmen an gesellschaftlicher „Governance” und sieht diese als aktive Mitgestalter des Politischen. CSR 3.0 verfolgt jedoch nicht zwingend eine Regulierung von Unternehmen durch gesetzliche Vorschriften, sondern insbesondere eine Regulierung bzw. Mitgestaltung der Gesellschaft durch freiwillige Beiträge der Unternehmen. CSR 3.0 ist damit eine kooperative Form von „New-Governance”, in denen Netzwerke, Cluster und Partnerschaften, freiwillige Selbstverpflichtungen, vorbildliches Vorangehen und gelebte Nachhaltigkeitspraktiken eine wichtige Rolle spielen. Unternehmerische Nachhaltigkeit (im ganzheitlichen Sinne) wird daher als „politische Ansage” und prospektives Konzept verstanden, das die Rolle der Wirtschaft in der Gesellschaft und damit auch das Verhältnis Staat-Wirtschaft-Zivilgesellschaft, im tiefen Bewusstsein einer wechselseitigen Abhängigkeit voneinander, neu denkt und neu definiert. Zusammengefasst stellt CSR 3.0 eine global denkende, lokal agierende und vernetzte Übernahme von Verantwortung durch Unternehmen dar – sowohl im Kerngeschäft als auch über den unmittelbaren Einflussbereich und Gestaltungshorizont des Unternehmens hinaus.

Das vorliegende Grünbuch versteht sich als wichtiger Beitrag von Austria Glas Recycling im Sinne der beschriebenen CSR-3.0-Ausrichtung.

3.2 Konsistenzorientiertes Wirtschaften

3.2.1 Globale Perspektive: Kreislaufwirtschaft

Entgegen dem derzeit vorherrschenden Prinzip der industriellen Produktion – der Linearwirtschaft oder „Wegwerfwirtschaft” – gelangen bei einem Produktionsprozess, der in Kreisläufen verlauft, die eingesetzten Rohstoffe über den Lebenszyklus einer Ware hinaus wieder vollständig in den Produktionsprozess zurück. Der erneute Einsatz gebrauchter Materialien in Form des Recyclings reduziert den Bedarf an Primärrohstoffen und schont Naturraum maßgeblich. Damit wird die Förderung der Kreislaufwirtschaft zu einem wichtigen strategischen Element im Zusammenhang mit der Ressourcenverknappungsthematik. Die Kreislaufwirtschaft führt besonders dann zu nachhaltigen Effekten, wenn die Strukturen, in denen sie betrieben wird, in einer regionalen und/oder lokalen – d. h. kleinräumig organisierten – Wirtschaftsweise eingebettet sind.

3.2.2 Handlungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene

Regionales Wirtschaften heißt, durch regionales Handwerk, Dienstleistungs- und Bildungssektor Arbeitsplätze zu schaffen, Wertschöpfung in der Region zu erhalten, durch einen höheren Grad an Selbstversorgung von globalen Ereignissen unabhängiger zu werden und durch verkürzte Transportwege die Umwelt zu schonen sowie Erdöl-Kosten zu umgehen. Insgesamt werden die sozialen Netze durch eine regional orientierte Wirtschaft gestärkt, was Menschen, Unternehmen und lokale Akteurinnen und Akteure näher zueinander bringt.

3.3 Menschenwürdige, faire Arbeit

3.3.1 Globale Perspektive

Das Konzept „Menschenwürdige und gute Arbeit” (Decent Work) wurde 1999 von Juan Somavia, dem Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), auf die Tagesordnung der UNO-Sonderorganisation gesetzt. Es beruht auf der Erkenntnis, dass menschenwürdige und produktive Arbeit für Frauen und Männer, in Freiheit, Gleichheit, Sicherheit und Würde der Schlüssel zu Armutsbekämpfung und gesellschaftlichem Wohlstand ist. Menschenwürdige Arbeit beinhaltet daher Beschäftigungsmöglichkeiten, die produktiv sind und ein gerechtes Einkommen sichern, die mit Sicherheit am Arbeitsplatz und der sozialen Absicherung der Beschäftigten und ihrer Familie verbunden sind, die Aussichten auf persönliche Weiterentwicklung bieten und soziale Integration fördern, die den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Anliegen vorzubringen, sich gewerkschaftlich zu organisieren und an den für ihr Leben relevanten Beschlüssen mitzuwirken, und die allen Chancengleichheit und Gleichbehandlung garantieren.

Erwerbsarbeit ist eine der wichtigsten Grundlagen für Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und eine nachhaltige Entwicklung. Sie ermöglicht es den Menschen durch ein individuelles Einkommen, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. Ohne formelle Arbeit sind Entwicklung und Armutsbekämpfung nicht möglich. Gleichzeitig jedoch kann sich ein Kampf um Arbeit um jeden Preis verheerend auswirken, wenn sich beispielsweise Staaten mit immer noch niedrigeren Mindestlöhnen, immer noch schlechteren Arbeitsrechten und Umweltschutzbestimmungen unterbieten.

Was in der EU und in Österreich zumeist gesetzlicher Standard ist, muss global gesehen oft erst etabliert und hierzulande in wirtschaftlichen Krisenzeiten zunehmend verteidigt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Möglichkeiten des Dialogs zwischen der Organisation und ihren Mitarbeiter(inne)n sowie die Möglichkeit einer freiwilligen Organisation der Mitarbeiter/-innen in Arbeitnehmervertretungen mit dem Recht auf Vereinigungsfreiheit und dem Recht zu Kollektivverhandlungen.

3.3.2 Handlungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene

Neben Maßnahmen auf staatlicher und internationaler Ebene ist es hier v. a. auch Aufgabe der Unternehmen, faire, gerechte und menschenwürdige Arbeitsbedingungen für die eigenen Mitarbeiter/-innen zu gewährleisten. Wenn Unternehmen beispielsweise Standorte in Entwicklungs- und Schwellenländern betreiben, so sind dortige Arbeitsbedingungen sorgsam zu bedenken. Es sollte zum Anliegen des Unternehmens werden, die lokalen Bestimmungen zur Gewährleistung der Arbeitssicherheit und zur Vermeidung von Kinderarbeit nicht nur einzuhalten, sondern vielmehr Bedingungen zu schaffen, die weit über dem durchschnittlichen Niveau bzw. den gesetzlichen Regelungen dieser Region liegen. Auch freiwillige Sozialleistungen, die in Industrieländern längst selbstverständlich sind, können in ärmeren Regionen geleistet werden, um Mitarbeitenden faire Lebensbedingungen zu ermöglichen.

Eine andere, sehr wichtige Form der grenzüberschreitenden Fairness zeigt sich im Konzept und in der Praxis des „Fairen Handels”. Als „Fairer Handel” wird ein kontrollierter Handel bezeichnet, bei dem den Erzeugern für die gehandelten Produkte mindestens ein von Fairtrade- Organisationen festgelegter Mindestpreis bezahlt wird, welcher über dem jeweiligen Weltmarktpreis angesetzt ist. Damit soll den Produzenten ein höheres und verlässlicheres Einkommen als im herkömmlichen Handel ermöglicht werden. Die Fairtrade-Bewegung konzentriert sich hauptsächlich auf Waren (oftmals unverarbeitete Rohstoffe), die aus Entwicklungsländern in Industrieländer exportiert werden, weil sie in bestimmten Regionen nicht angebaut werden können. In der Produktion sollen internationale sowie von den Organisationen vorgeschriebene Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden.

3.4 Gesundheit

3.4.1 Globale Perspektive

Verschiedene Gesundheitsbegriffe haben im Lauf der letzten Jahrzehnte auf die Mehrdimensionalität von Gesundheit im Sinne eines nicht nur körperlichen, sondern auch eines psychischen und sozialen Wohlbefindens hingewiesen (vgl. WHO, 1946). Gesundheit ist Voraussetzung und Ergebnis einer kontinuierlichen Auseinandersetzung des Menschen mit Bedingungen und Herausforderungen in Familie, Schule, Arbeitswelt und Freizeit. Am überzeugendsten erscheint eine Vorstellung von Gesundheit als Kompetenz oder Befähigung zu einer aktiven Lebensbewältigung, eine Fähigkeit zur Problemlösung und Gefühlsregulierung, durch die ein positives seelisches und körperliches Befinden und ein unterstützendes Netzwerk sozialer Beziehungen erhalten oder wiederhergestellt werden.

Die grundlegendste Dimension von Gesundheit ist die physische, körperliche Ebene. Genügend gesunde, frische Nahrung, sauberes Wasser sowie eine unbelastete natürliche Umwelt gehören zu diesem Bereich ebenso wie die physische und soziale Sicherheit in der menschengeschaffenen Umwelt (Wärme, Geborgenheit, Unterkunft, Hygiene), Bewegung und genügend Schlaf, Ruhe und Erholung.
Es existieren auch Gesundheitsfaktoren, die auf einer psychischen bzw. seelisch-geistigen Ebene verortet sind. Dazu zählen beispielsweise Zuwendung und Liebe, Selbstachtung, ein Gefühl der Sicherheit, Freiheit und das Wahrnehmen von Gestaltungsmöglichkeiten im eigenen Leben oder Kreativität. Gesunde, intakte soziale Beziehungen, seien diese innerhalb der eigenen Familie oder im beruflichen Kontext, sind meist geprägt von Vertrauen, Verbundenheit, Freundlichkeit und mit der Bereitschaft zur Versöhnung.

3.4.2 Handlungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene

Da die Arbeitswelt zu den wichtigsten Lebensbereichen des Menschen gehört, kann sie sehr entscheidend zur persönlichen Entfaltung und damit zur Gesundheit oder Krankheit beitragen. In den letzten Jahren ist auf nationaler Ebene sowie auf EU-Ebene das Interesse an arbeitsbedingten Erkrankungen gewachsen, Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer/-innen werden auf nationaler und internationaler Ebene wie auch auf Unternehmensebene immer stärker thematisiert. Dies verwundert in Betracht bedenklicher Zahlen kaum: Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge kommen jedes Jahr rund 2,2 Millionen Menschen durch Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten ums Leben. Weltweit gibt es jährlich rund 270 Millionen Arbeitsunfälle und 160 Millionen Opfer von Berufskrankheiten. Stress gehört mittlerweile zu den häufigsten arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen in Europa. Arbeitsbedingte psychosoziale Belastungen, gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung und die Schaffung einer altersgerechten Arbeitswelt, das sind heute wichtige Themen im betrieblichen Gesundheitsschutz.

Unternehmen können freiwillige, betriebliche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung zu einer Managementaufgabe in ihren Betrieben machen und damit die Mitarbeitenden unterstützen, ihre körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten. Nicht zuletzt fallen für Unternehmen hohe Kosten an sowohl durch Fehlzeiten als auch im Falle des Präsentismus, wenn Mitarbeiter/-innen trotz Krankheit am Arbeitsplatz erscheinen und krankheitsbedingt weniger leistungsfähig sind oder mehr Fehler machen.

3.5 Diversität und Inklusion

3.5.1 Globale Perspektive

Im Justizbereich der Europäischen Kommission wurde in den vergangenen Jahren eine Reihe von Maßnahmen erarbeitet, die auf die Vermeidung von Diskriminierung in allen gesellschaftsrelevanten Bereichen abzielen. Aufgrund der Unterschiedlichkeit von Menschen innerhalb und außerhalb der Organisationen können sich im Umgang mit Diversität Probleme und Herausforderungen ergeben. Als Teil einer strategischen Antwort auf eine zunehmend von Vielfalt geprägte Gesellschaft, Kundenbasis, Marktstruktur und Arbeitnehmerschaft wird die Förderung eines unternehmensorientierten Vielfaltsmanagements als eine dieser Maßnahmen vorgeschlagen. In diesem Zusammenhang hat in den letzten Jahren die Bedeutung von Diversitätsmanagementsystemen stark zugenommen. Mit deren Hilfe sollen Probleme nicht nur erkannt und gelöst werden, sondern durch die Förderung eines wertschätzenden Umgangs mit Verschiedenheit selbst ein betriebswirtschaftlicher Nutzen für die Organisation entstehen.

3.5.2 Handlungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene

Die jüngste Eurobarometer-Umfrage über die Wahrnehmung von Diskriminierung in der EU, die 2012 in 27 EU-Mitgliedsländern durchgeführt wurde, ergab, dass eine breite Mehrheit der Europäerinnen die Schulung von Arbeitnehmer(inne)n und Arbeitgebern zum Thema Vielfalt (79 %), die Kontrolle von Einstellungsverfahren (76 %) und die Überwachung der Zusammensetzung von Belegschaften (69 %) begrüßt.

Diversity-Management kann der Organisation helfen, eine höhere Motivation und Produktivität der Mitarbeiter/-innen zu erzielen, ein gutes Image aufzubauen, besseren Zugang zu neuem Arbeitskräftepotenzial zu erhalten, von Wettbewerbsvorteilen durch innovativere Produkte/
Dienstleistungen zu profitieren sowie Konflikte sowie Rechtsstreitigkeiten zu verringern. Durch Diversity-Management findet eine tief greifende Änderung in Unternehmenskulturen ihren Ausdruck, in denen Wertschätzung und Bewusstsein für die Einzigartigkeit jedes Individuums als grundlegende Werte verankert sind.

3.6 Ethisches und nachhaltiges Investment

3.6.1 Globale Perspektive

„Grünes Geld”, „Nachhaltige Veranlagung”, „Ökologische Geldanlage”, „Ethisch-ökologisches Investment” etc. sind unterschiedliche Begriffe für Veranlagungen, bei denen ökologische, soziale bzw. ethische Komponenten bei der Auswahl, Beibehaltung und Realisierung des Investments berücksichtigt werden. Es wird also beispielsweise in Unternehmen investiert, die in ihrer Geschäftspolitik ökologische und/oder soziale Grundsätze verfolgen und deren Produkte und Dienstleistungen einen ökonomischen, ökologischen und damit gesellschaftlichen Nutzen erzeugen. Damit ergänzt diese Form der Geldanlage die drei „klassischen” Dimensionen von Anlageprodukten – Rentabilität, Sicherheit und Liquidität – um eine neue Dimension: die soziale und ökologische Ausrichtung eines Finanzprodukts. Die Anleger/-innen können dadurch z. B. die Entwicklung und Verbreitung umweltfreundlicher Technologien unterstützen, eine an langfristigem Umweltschutz orientierte wirtschaftliche Entwicklung fördern, Menschenrechtsverletzungen verhindern oder an einem sinnvollen Wertewandel und einer Steigerung der allgemeinen Lebensqualität mitwirken.

3.6.2 Handlungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene

Unternehmensinterne Maßnahmen im Bereich ethisches Investment und „grünes” Geld können sein:
•    die Wahl einer nachhaltigen Vorsorgekasse
•    ethische Betriebsfinanzierung
•    nachhaltige Investitionsentscheidungen
•    ethische Rücklage- bzw. Veranlagungsstrategie
•    Wahl eines nachhaltigen Pensionsfinanzierungssystems

Dazu beurteilen spezielle Ratingagenturen wie oekom Research oder Südwind-Institut Unternehmen, aber auch ganze Staaten und große Organisationen hinsichtlich bestimmter ökologischer und sozialer Kriterien. Ein weiterer Vorteil von „grünem Geld” liegt in der Bewertung von Anlageobjekten hinsichtlich Nachhaltigkeit, die umfangreiche Informationen erfordert. Die Unternehmen werden angehalten, nachhaltigkeitsrelevante Daten zu sammeln und bereitzustellen. Auf diese Weise wird Transparenz geschaffen, was auch für die Unternehmen einen Vergleich untereinander ermöglicht und so den Wettbewerb in Sachen Umwelt und Soziales fördert. Innerhalb derjenigen, welche die Auswahlkriterien passiert haben, entscheidet das Fondsmanagement nach klassischen wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

In Österreich gibt es seit 2002 beispielsweise neun Mitarbeitervorsorgekassen, von denen sich einige zur Bedeutung eines nachhaltigen Investments bekennen. Sie unterziehen sich jährlich einer freiwilligen Prüfung durch die ÖGUT-Plattform „Ethisch-ökologische Veranlagung”, bei der Grundsätze und Methodik, das Portfolio und das Umfeld der Kassen hinsichtlich der Einhaltung nachhaltiger Kriterien geprüft werden.

3.7 Antikorruption

3.7.1 Globale Perspektive

Unter Korruption wird der Missbrauch anvertrauter Macht zu privatem Vorteil verstanden (Transparency International [TI]). Durch Korruption wird das Vertrauen in eine unabhängige und gesetzestreue Verwaltung geschädigt sowie ein fairer Wettbewerb untergraben. Als globales grenzüberschreitendes Problem betrifft Korruption sowohl arme wie reiche Gesellschaften. Da Korruption dazu führt, dass öffentliche Gelder nie dort ankommen, wo sie allokiert werden sollten, und öffentliche Ressourcen verschwendet werden, ist Korruption ein massives Hemmnis für eine nachhaltige politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Landes.

Korruption führt in vielen Ländern dazu, dass Menschenrechte verletzt werden. Lebenswichtige Ressourcen wie Wasser sind infolge von Korruption nur mehr zu überhöhten Preisen verfügbar, ebenso wie der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen wie Bildungseinrichtungen und zur Gesundheitsversorgung dadurch erschwert oder ganz verhindert wird. Die Rechtssicherheit wird durch korrumpierte Richter/-innen nicht selten außer Kraft gesetzt.

Transparency International schätzt den jährlich durch Korruption verursachten wirtschaftlichen Schaden auf ein bis vier Prozent der weltweiten jährlichen Bruttowirtschaftsleistung. Laut Schätzungen der Weltbank wiederum belaufen sich die jährlichen Schäden durch Korruption auf weltweit ein bis vier Billionen US-Dollar oder zwölf Prozent der weltweiten Bruttowirtschaftsleistung. Der EU Anti-Corruption Report 2014 mahnt Reformen in allen Mitgliedstaaten an (www.ti-austria.at).

3.7.2 Handlungsmöglichkeiten auf betrieblicher Ebene

Organisationen sind angehalten, ihre Korruptionsrisiken zu identifizieren und organisationspolitische Vorgaben einzuführen, die der Korruption und der Erpressung entgegenwirken. Beschäftigte und Repräsentant(inn)en müssen darin unterstützt werden, Bestechung und Korruption zu beseitigen, indem z. B. Schulungen angeboten und durchgeführt werden. Mit bewusstseinsbildenden Maßnahmen können Beschäftigte, Partner, Vertreter etc. dazu ermutigt werden, über Verletzungen von Antikorruptionsrichtlinien sowie sonstigen unethischen und unfairen Behandlungen zu berichten. Mechanismen, die eine Reaktion auf diese Berichterstattung ohne Angst vor Repressalien ermöglichen, sind einzuführen. Das Unternehmen oder die Organisation soll Dritte, mit denen es bzw. sie Geschäftsbeziehungen erhält, ebenso dazu ermutigen, derartige Anti-Korruptionsmaßnahmen zu übernehmen. Auf diese Weise kann das Unternehmen ein wirksames System zur Korruptionsbekämpfung innerhalb und außerhalb seines eigenen Wirkungsbereiches erzielen.

3.8 Ausblick: Postwachstumsökonomie und Beyond GDP

Als „Postwachstumsökonomie” wird eine Wirtschaft bezeichnet, die ohne Wachstum des Bruttoinlandsprodukts über stabile – wenngleich mit einem vergleichsweise reduzierten Konsumniveau einhergehende – Versorgungsstrukturen verfügt. Die Postwachstumsökonomie grenzt sich von landläufigen, auf Konformität zielenden Nachhaltigkeitsvisionen wie qualitatives, nachhaltiges, grünes, dematerialisiertes oder dekarbonisiertes Wachstum ab. Die vielen Versuche, weiteres Wachstum der in Geld gemessenen Wertschöpfung dadurch zu rechtfertigen, dass deren ökologische „Entkopplung” kraft technischer Innovationen möglich sei, werden in der Postwachstumsökonomie abgelehnt.

Das Konzept der Postwachstumsökonomie orientiert sich an einer Suffizienz-Strategie und dem partiellen Rückbau industrieller, insbesondere global arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse zugunsten einer Stärkung lokaler und regionaler Selbstversorgungsmuster. Enthalten sind zudem Ansätze der Geld- und Bodenreform.

Die Suffizienz-Strategie ist ein komplementärer, wenn nicht sogar vor dem Hintergrund des Rebound-Effektes grundlegenderer Ansatz zur Effizienz-Strategie. Sie steht mit den Begriffen Entschleunigung, Entflechtung, Entkommerzialisierung und Entrümpelung in Verbindung und behandelt die Frage nach dem rechten Maß der Produktion und des Konsums. Das für die Suffizienz nötige Umdenken und der damit verbundene gesellschaftliche Wertewandel werden als schwieriger erachtet als die Adaptionen neuer Technologien.

Begünstigt wurde dieser Wertewandel jedoch teilweise durch die Beyond-GDP-Diskussion, die im Jahr 2007 als Initiative der Europäischen Kommission im Rahmen einer internationalen Tagung unter dem Titel „Beyond GDP – Measuring progress, true wealth, and the well-being of nations” aufgegriffen wurde. Heute beschäftigen sich die OECD, die Europäische Kommission, das Europäische Parlament, der Club of Rome und der WWF mit Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), um die Wohlfahrt in den einzelnen Ländern zu messen. Dabei sollen aussagekräftige Indikatoren entwickelt werden, die auch ökologische und soziale Aspekte der Entwicklung – anstatt der rein ökonomischen – mit abbilden. Mit diesen Bemühungen wird zum Ausdruck gebracht, dass die Bewertung humaner Entwicklung und subjektiver Lebensqualität von Wachstumsindikatoren entkoppelt werden muss.

Wissenschaftlich gestützt wird diese Auffassung durch die jahrzehntelange Glücksforschung, die im Wesentlichen besagt, dass ab einem gewissen Einkommensniveau oder bestimmten materiellen Versorgungsniveau das subjektive Wohlbefinden nicht mehr zusätzlich steigt (u. a. Easterlin, 1974; Leiserowitz et al., 2006; Inglehard et al., 2008).

Lesen Sie hier über den Aspekt Ökologie und die gesellschaftliche Dimension von Nachhaltigkeit.

Autor

Der Text ist dem Grünbuch’Nachhaltiges Recycling von Glasverpackungen in Österreich. Best in Glass.’ von Austria Glas Recycling, erschienen 2014, entnommen. Redaktion: DI Julia Buchebner (plenum), Dr. Harald Hauke (Austria Glas Recycling), Monika Piber-Maslo (Austria Glas Recycling), Dr. Alfred Strigl (plenum)

Im Grünbuch ‘Best in Glass’ blättern.

Grünbuch ‘Best in Glass‘ zum Download.

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