Leben nach dem Wachstum – Entwicklung nachhaltiger Lebensstile für die Post-Krisengesellschaft

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(Achtung: Dies ist eine sehr polemische und düstere „Kritik der reinen Finanzökonomie“ – zur Diskussion und mit konkreten Aufforderungen zur Stärkung einer nachhaltigen und wertebasierten Realwirtschaft – depressiven oder ängstlichen Menschen wird abgeraten, den Text zu lesen…)

Nach übereinstimmender Einschätzung unabhängiger ExpertInnen (stellvertretend seien drei meiner FavoritInnen genannt: Niko Paech – Befreiung vom Überfluss; Christoph Pfluger – Das nächste Geld; Fabian Scheidler – Das Ende der Megamaschinevon ihnen stammen die meisten Gedanken und Informationen dieses Textes) steuert das globale Finanzsystem aktuell auf einen Crash zu, obwohl die Realwirtschaft noch nie so produktiv war. Bei der Auseinandersetzung mit nachhaltigen Lebensstilen ist diese Erkenntnis zunächst ziemlich lähmend, ja demotivierend. Zeit also, sich die Frage zu stellen, welche Lebensstile wir jetzt entwickeln müssen, um nicht nur eine global nachhaltige Gesellschaft zu ermöglichen, sondern auch multiple Finanz-, Wirtschafts- und Polit-Crashes mit möglichst wenig Blessuren zu überstehen, und welche Rolle dabei auf den ersten Blick unbedeutende Akteure wie Umwelt- und AbfallberaterInnen und andere Partner im österreichischen Glasrecycling-Kreislauf spielen können.

Teil 1: Die Notwendigkeit von systemischer Veränderung

Alles ist schon da!

Seien wir einmal ganz ehrlich: wir haben bereits alle Voraussetzungen für sowohl individuelle als auch kleine und große kollektive Veränderungen parat: erstens produziert die Weltwirtschaft derzeit global genug Güter, um Armut, Hunger und Mangel von heute auf morgen völlig überflüssig zu machen. Zweitens ist es erwiesenermaßen möglich, auch ohne fossile oder nukleare Ressourcen und ohne Knappheit seltener Metalle oder Erden ein vertretbares und angenehmes Wohlstandsniveau für die derzeitige Weltbevölkerung und sogar noch für mehr Menschen zu ermöglichen. Die materiellen Ressourcen sind also da, was fehlt ist die kollektive intelligente Nutzung statt finanzmarktinduzierter himmelschreiender Verteilungsungerechtigkeit.

Was hindert die Umsetzung?

Das Wissen für eine verteilungsgerechte intelligente Nutzung von vorwiegend erneuerbaren Ressourcen ist ebenfalls vorhanden: seit vielen Jahren werden unterschiedliche Modelle einer gerechteren nachhaltigeren Wirtschaftsordnung publiziert und diskutiert, sehr viele davon sind durchaus brauchbare Ansätze. Der Grund, warum sie nicht in die Praxis umgesetzt werden, wird von vielen darin gesehen, dass die übermächtigen „alternativlosen“ Sachzwänge der finanzmarktdominierten neoliberalen Wirtschafts(un)ordnung alternative Veränderungen nicht einmal punktuell zulassen und im Anlassfall sogar unbarmherzig bekämpfen. Dies nicht einfach aus „Gier“, wie heute oft angenommen wird, sondern schlicht aus der finanzsystemimmanenten Logik heraus, die nichts anderes als die Perpetuierung des Systemzwanges zulässt. Das stimmt zwar zum Teil, ist aber nicht die ganze Wahrheit. Denn noch mehr als auf irgendetwas sonst basiert das moderne Geld- und Finanzsystem auf Vertrauen. Und das lässt sich auch erschüttern! Worauf basiert nun dieses Vertrauen, und was könnte es erschüttern?

Exkurs: Kredit – der Knackpunkt für nachhaltige Veränderung

Wem vertrauen?

Das gesamte Finanzsystem, vom privaten Girokonto und Sparbuch bis hin zu Staatsanleihen, Aktien, Darlehen, Investmentfonds und Derivaten, basiert auf dem Vertrauen, dass Schulden zurückgezahlt werden. Deswegen nennt man ein Darlehen auch „Kredit“, das kommt von lateinisch „credere“ = glauben, vertrauen, anvertrauen. Der Sparer vertraut darauf, dass ihm die Bank sein Erspartes wieder auszahlen kann, und zwar mit dem vereinbarten Zinssatz. Die Bank vertraut darauf, dass der Kreditnehmer die Schulden samt vereinbarten Zinsen zurückzahlt. Der Firmeneigentümer (GmbH-Eigentümer, Aktionär etc.) vertraut darauf, dass er sein eingesetztes Kapital erhalten und durch Rendite daraus Einkommen generieren kann. Der Spekulant vertraut darauf, dass sein eingesetztes Kapital im Wert steigt. Der Staat vertraut darauf, dass er die geplanten Steuereinnahmen bekommt, um damit das Vertrauen des Zeichners von Staatsanleihen auf Rückzahlung samt Zinsen befriedigen zu können. Und so weiter.

Kann man glauben, was auf dem Geldschein steht?

Letztlich vertraut jeder darauf, dass Geldscheine tatsächlich den Wert haben, der darauf steht, und dass der Staat bzw. die Notenbank dafür sorgen, dass das tatsächlich so ist und auch so bleibt. Dieses System ist global derart engmaschig miteinander vernetzt und verwoben, dass winzige Vertrauensbrüche, wie z.B. die Subprime-Krise der USA 2008 einen globalen Domino-Effekt an Vertrauensverlust (=Kreditverlust) auslöst.

Das globale Pyramidenspiel

Zum Vertrauen gehört auch, dass man davon ausgeht, dass jedem Schuldenstand auf der einen Seite ein gleich hoher Vermögensstand auf der anderen Seite gegenübersteht. Hier aber hat das System einen eingebauten letalen Fehler, denn aufgrund der Geldschöpfungs-Automatik durch verzinste Kreditvergabe werden im Gesamtsystem mehr Schulden generiert als Vermögen geschaffen. Dies hat nur deshalb bisher die Banken nicht besonders gestört, weil es immer neue Möglichkeiten gab, jemandem neue Schulden umzuhängen.

Vermögen konzentrieren sich an der Spitze, Schulden verteilen sich an der Basis

Durch das von der Zins- und Zinseszins-Dynamik induzierte exponentielle Wachstum der Schulden und Finanzvermögen und der Tatsache, dass die Rückzahlung immer zeitverzögert erfolgt, wachsen die Schulden stets ein wenig schneller als die Vermögen, und das exponentiell, und noch dazu derart, dass die Vermögen in immer weniger Händen aufkonzentriert werden und die Schulden gleichzeitig immer breiter an der Basis der Pyramide verteilt werden. Das bedeutet, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem klar wird, dass niemand mehr Schulden zurückzahlen kann, weil es das dazu nötige Vermögen gar nicht gibt.

Sobald dies vielen Finanzmarktakteuren klar wird, wird das System augenblicklich wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Kurz gesagt: Das globale Finanz- und Geldsystem ist ein Pyramidenspiel, das so lange funktioniert, wie immer noch irgendein Dummer gefunden wird, der bereit ist, jemandem aus dem System Geld zu leihen. Diese Dummen sind momentan die Staaten und ihre Steuerzahler, die eifrig dabei sind, Banken zu retten, und dafür nach und nach alle Vermögenswerte auflösen oder verpfänden, die sie haben, inklusive der Sozial- und Pensionssysteme. Ein Pyramidenspiel ist bekanntlich eine „Blase“, die spätestens dann platzt, wenn alles oben ist und unten nichts mehr geht.

Wenn globale Schulden globale Vermögen übersteigen, ist globale Insolvenz die Folge

Wir wissen nur nicht genau wann und wo zuerst das passieren wird. Denn dazu müssten wir exakt wissen, wieviele Schulden und Vermögenswerte überhaupt bestehen, und wie sich diese jährlich verändern. Das ist derzeit unmöglich. Dennoch gibt es halbwegs seriöse Schätzungen, die davon ausgehen, dass bereits jetzt die Finanzschulden drei- bis fünfmal so hoch sind wie die Finanzvermögen, und dass in wenigen Jahren auch die zusätzliche Heranziehung der nicht-finanziellen realwirtschaftlichen Vermögens-Gegenwerte (z.B. Anlagen, Immobilien, Grund und Boden) nicht mehr ausreichen würde, diese Schulden zu tilgen – und die Schere geht jährlich immer weiter auf, mit wachsender (exponentieller!) Geschwindigkeit.

Realwirtschaft ist mit alternativem Tauschmedium überlebensfähig

Wenn nun diese Geldblase platzt, haben wir den Vorteil, dass die Realwirtschaft zwar nach wie vor besteht, aber den Nachteil, dass die Leistungs- und Gütertauschbeziehungen zumindest vorübergehend zum Erliegen kommen, weil diese mit dem Geld- und Finanzsystem (über den Zahlungsverkehr der Banken) derzeit leider untrennbar gekoppelt sind. Was wir dann also brauchen, ist ein finanzmarktunabhängiges Tausch-Medium, also alternatives Geld, das ausschließlich auf realen Werten basiert und nur parallel zu diesen vermehr- oder verminderbar ist (Realwert-Deckung). Die Konzepte dazu gibt es bereits („Vollgeld“), aber die Einführung ist aus weiter oben genannten Gründen derzeit nicht möglich, wird also wohl erst nach dem Crash realisiert werden können. Somit bleiben uns derzeit nur folgende Optionen, die alle je nach vorhandenen Möglichkeiten gleichzeitig bereits jetzt umgesetzt werden können und auch bereits werden:

Teil 2: Was tun, bevor die Blase platzt

Die aktuelle Herausforderung lautet somit, für Wirtschaft und Gesellschaft einen möglichst zerstörungsarmen Übergang in eine „steady-state-economy“ zu entwickeln, der die zu erwartenden disruptiven Veränderungen im Finanzsystem so weit als möglich abfedert. Nachhaltige Lebensstile, besonders im urbanen Bereich spielen dabei neben einem Umbau der Wirtschaft hin zu dezentralen, im lokalen Umfeld verankerten Produktionsprozessen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des hohen globalen Vernetzungs- und Technologie-Niveaus eine zentrale Rolle.

Um den Crash mit so wenig Zerstörung, Leid und Gewalt wie möglich zu überstehen, sind derzeit folgende Handlungsfelder wichtig:

1. Zeit gewinnen

Die Entwicklung verlangsamen, um mehr Zeit für den Aufbau unserer Resilienz (Krisenfestigkeit) zu gewinnen

Ressourcenschonung

In diese Handlungskategorie fallen alle Aktivitäten, die Ressourcenschonung, Vermeidung von Umweltzerstörung, Förderung von Gesundheit, Wohlbefinden, Reduzierung von Armut, Reduzierung von finanziellen und materiellen Abhängigkeiten bewirken, sowohl auf individueller wie kollektiver Ebene. Dazu gehören u.a. die Förderung lokaler und regionaler Wertschöpfungsketten, regionale Umwelt- und Abfallberatung, möglichst lange Nutzung von Produkten (Re-Use, Reparatur, Mehrweg-Nutzung, Kaskaden-Nutzung, ReDesign, Secondhand, Qualität statt Billig-Ramsch etc.), kluge Verwertungskaskaden (wie z.B. durch hochwertiges Recycling wie im Fall von Glas), gemeinschaftliche Nutzung, Nutzen statt besitzen, Verbesserung der Resilienz von Ökosystemen im Hinblick auf den Klimawandel, Verringerung des absoluten Ressourcenverbrauches pro Kopf in Industrieländern durch Etablierung von wesentlich mehr immaterieller statt materieller Befriedigung von Bedürfnissen, die über die Grundbedürfnisse hinausgehen. Und vor Allem: Lernen, sich mit „so wenig wie nötig“ viel glücklicher und freier zu fühlen als mit „so viel wie möglich“.

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Alte alpine Wegmarkierungen im Salzkammergut, sog. “Dauben”:
Schwer zu finden für oberflächliche Menschen und Hektiker, Wegweiser zu den besten “Durchgängen” –
in jeder Hinsicht für Achtsame…

Stoffströme verstehen

Die österreichische Abfallwirtschaft spielt in diesem Handlungsfeld eine international anerkannte Vorreiterrolle, einerseits in der operativen Umsetzung von Systemen zum Stoffflussmanagement, andererseits im Bereich der Bewusstseinsbildung auf breiter Basis. Denn wenn Menschen Stoffströme verstehen und deren kluge Nutzungzu ihrem persönlichen Anliegen machen, verstehen sie auch viele Zusammenhänge unseres Wirtschaftssystems. Ein Kind, das einmal wirklich verstanden hat, wie Kompost entsteht und welche Rolle es selbst dabei spielt, kann die Welt verstehen und ist motiviert, sie im künftigen täglichen Handeln zu verändern, wenn es dabei unterstützt und wertgeschätzt wird. Österreichische Umwelt- und AbfallberaterInnen erklären unseren Kindern in Schulen und Kindergärten laufend diese Zusammenhänge – eine wertvollere Resilienz-Vorbereitung der Bevölkerung kann es wohl kaum geben.

Re-Use und Reparatur

Organisationen, die dazu unmittelbar beitragen, sind auch die sozialwirtschaftlichen Re-Use-Betriebe des österreichischen Re-Use- und Reparaturnetzwerkes RepaNet. Sie kooperieren immer mehr mit der kommunalen und privaten Abfallwirtschaft, um Produkte länger nutzbar zu halten und damit gleichzeitig benachteiligten Menschen Jobchancen und einkommensschwächeren Familien günstige gebrauchte Qualitätsprodukte zu bieten.

Kaskadische Wertschöpfungsketten

Für die Wirtschaft bedeutet das, Mehrfachnutzungen und Kaskadennutzung von Materialien (Rohstoffen) und Produkten weiterzuentwickeln, das klassische Recycling ist ein guter Anfang, aber bei Weitem noch kein Modell für wirkliche Kreislaufwirtschaft. Der Cradle2Cradle- Ansatz, so umstritten er zu Recht vor allem hinsichtlich seiner Nicht-Hinterfragung von Wirtschaftswachstum und fehlender sozialer Aspekte der Nachhaltigkeit sein mag, ist als Orientierung für die Weiterentwicklung von Produktionsprozessen und Stoffstrommanagement die grundsätzlich richtige Richtung.

Produktinnovationen wie das Fairphone zaubern zwar nicht mit einem Schlag alle negativen Auswirkungen von mobilen Endgeräten weg, sie weisen aber den Weg in transparentere, ehrlichere und fairere wirtschaftliche Wertschöpfungsketten und Austauschprozesse.

Innovative Verbund-Dienstleistungen

Für den Dienstleistungssektor bieten sich immense Chancen, denn viele Dinge, die heute hochgradig ineffizient individuell gemacht werden, können in Dienstleistungs-, Produktions- und Logistkverbundnetzwerken viel nachhaltiger erbracht werden, wie z.B. selbst einkaufen, kochen, putzen, Wäsche waschen, Abfälle ins ASZ bringen, Kinder zur Schule bringen, und vieles mehr. Inzwischen kann man sich in den urbaneren Gebieten die Einkäufe – sogar vom Biobauern der Umgebung – zustellen lassen, genauso wie die warmen Mahlzeiten, gleiches wäre für Schmutzwäsche, zu reparierende Gegenstände und vieles mehr denkbar – dabei braucht der Dienstleistungserbringer nicht unbedingt auch der Logistiker sein, wer sagt denn dass ein Pizzadienst nur für eine Pizzeria arbeiten muss und nicht auch Pakete bringen, Messer schleifen, Pfandflaschen und Altbatterien mitnehmen und Wäsche abholen kann, und das alles in einer in Echtzeit optimierten Tourenplanung? Und wer sagt denn dass dieser Dienstleister nicht der Nachbar vom Häuserblock gegenüber sein kann, den man persönlich kennt, jeden Tag sieht und auf der Straße grüßt? Und wer sagt, dass man sich nur Markennahrung zustellen lassen will, wenn man die Köchin am anderen Ende der Straße kennt?

Die künftig zu erwartende völlige Unfinanzierbarkeit der klassischen reglementierten Alten- und Krankenbetreuung wird ohnehin neue Dienstleistungsnetzwerke und Nachbarschaftskoperationen erzwingen, warum also diese nicht auch gleich für alle anderen Menschen nutzen?

Steigende Mietpreise und sinkende Realeinkommen werden zu kleineren Wohnungen führen: wozu dann die für die Erholung so wichtigen eigenen vier Wände mit Küche und Waschmaschine vollräumen, wenn es attraktive und vertraute Zustell- und Abholservices in der Nachbarschaft gibt?

Keine Tabus in der Diskussion!

Und wenn standardmäßig diese Abholservices auch gleich die Haushaltsabfälle sauber getrennt mitnehmen und korrekt einer optimalen Verwertung zuführen, in Kooperation mit den auf bekannt hohem Niveau arbeitenden österreichischen Entsorgungs- und Verwertungsunternehmen, könnten wir uns vieles an „Verkübelung“ des Straßenbildes und „leerer Kilometer“ ersparen. Es darf hier keine Tabus in der Innovationsdiskussion mehr geben, die klassischen Grenzen zwischen den Branchen sind ohnehin nicht mehr zeitgemäß. Es muss erlaubt sein, über unorthodoxe Geschäftsmodelle nicht nur nachzudenken, sondern sie auch auszuprobieren, ohne gleich mit der gewerberechtlichen oder abfallrechtlichen Keule niedergeknüppelt zu werden. Ohne Grenzüberschreitung gibt’s nun mal kein Neuland, und das alte ist leider nicht mehr zu retten!

Natürlich darf die unvermeidliche Auflösung der klassischen Arbeitswelt durch viele unabhängige vernetzte Dienstleister nicht in die moderne Sklaverei führen, wie dies aktuelle Beispiele von Zustell-, Fahrten- und Botendiensten leider vor Augen führen – hier ist deutlich mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die solche Ausbeutungsverhältnisse organisieren und davon profitieren, dass viele Menschen gezwungen sind, zum Überleben Dumpinglöhne ohne Sozialleistungen als Scheinselbstständige zu akzeptieren.

2. Resilienz aufbauen

Immer mehr Produktions-, Reproduktions- und Leistungsprozesse ausserhalb des Geldsystems organisieren, also in informellen Netzwerken, wie Familien, Nachbarschaften, ideellen Gruppen, oder formellen, nicht kapitalbasierten Netzwerken wie Vereinen oder Kooperativen.

Zivilgesellschaft stärken

Dieses Handlungsfeld ist klassisches Terrain zivilgesellschaftlichen Engagements, und zwar von konventionell konservativ (klassische Charity-Organisationen) bis hin zu progressiv-subversiv. Sämtliche Tätigkeiten, die nicht gegen Geld beziehungsweise nicht von Wirtschaft oder Staat erbracht werden, aber dennoch menschliche und gesellschaftliche Grundbedürfnisse befriedigen, zählen dazu. Beispiele: Guerilla-Gardening, Dumpsters, Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftsgruppen, Gemeinschaftsgärten, Seniorenkooperativen, Food-Coops, Tauschkreise, Reparatur-Cafés und -initiativen, ehrenamtliche Flüchtlingshilfe, jede Art von ehrenamtlicher Tätigkeit für das Gemeinwohl, Familienarbeit, unentgeltliche Pflege und Hilfsdienste, Nachbarschaftshilfe, Food-Savers, Selbsternte-Gruppen, Siedlungs-Projekte, private Einkaufskooperativen, private Sharing-Projekte, ReUse, Abfallvermeidung, Circular Economy, (echte!) Sharing Economy (nutzen statt besitzen) und vieles vieles mehr.

Nischen-Initiativen sind Lernfelder für die neue Gesellschaft

Viele dieser Initiativen führen derzeit ein Nischendasein und werden daher in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung völlig unterschätzt. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass es genau diese Initiativen sind, in denen junge Menschen heute lernen, mit den Herausforderungen von morgen kreativ und innovativ fertig zu werden. Sie sind sozusagen der Lern-Kindergarten der neuen Gesellschaft. In der großen Vielfalt solcher Gruppen, den unterschiedlichen, ja oft widersprüchlichen Ansätzen liegt nicht etwa eine Schwäche, sondern das ist ihre größte Stärke, denn wir wissen heute noch nicht genau, welche künftigen Bewältigungsstrategien die erfolgreichsten sein werden, daher ist es wichtig, alle Optionen und Ansätze wertzuschätzen und zu fördern.

3. Alternativen entwickeln

Diese werden bereits jetzt erprobt und ergeben sich aus der organisatorischen Formalisierung der informellen geld- und kapitalmarktunabhängigen Prozesse aus Punkt 2.

Genossenschaften und Integrale-evolutionäre Organisationen

Die vielversprechendsten Ansätze von systemischen Alternativen zum heutigen Wirtschaften sehen wir derzeit sowohl in der neuen Genossenschaftsbewegung in Österreich und Deutschland als auch in den unterschiedlichen Modellen neuer Unternehmensorganisationsformen, wie z. B. der „Integralen-evolutionären Organisation“ nach Frédéric Laloux, dem Autor von „Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit“. Diese Organisationen operieren derzeit natürlich innerhalb der Geld- und Finanzsystems, sind durch ihre Ziele, ihre Strukturen und Prozesse aber relativ schnell in der Lage, auch alternative Tauschmittel oder alternatives Geld für die Austauschprozesse einzusetzen.

Social Entrepreneurs

Social Entrepreneurships sind keine klassischen Sozialunternehmen, sondern meist privatwirtschaftliche Unternehmen, die zwar gewinnorientiert arbeiten, wo aber der Gewinn oder der finanzielle Erfolg nicht das dominante Unternehmensziel ist. Statt dessen ist es das Ziel, Produkte oder Dienstleistungen zu erbringen, die ein solidarisch verstandenes Allgemeinwohl, das menschliche Zusammenleben und die Umwelt fördern. Viele solcher Social Entrepreneurships gehen aus ursprünglich unentgeltlichem Engagement hervor, insbesondere aus innovativen Nischen-Initiativen (siehe oben), schlicht aus der Notwendigkeit, dass die handelnden Personen auch von etwas leben müssen, und das im Einklang mit ihrem Engagement und ihren Überzeugungen tun wollen.

Problem: Der geknebelte Staat

Problematisch ist in diesem Zusammenhang die Rolle des Staates. Dieser hat klassisch die Aufgabe, die übergeordneten Rahmenbedingungen für das Funktionieren der wirtschaftlichen Prozesse zu sichern, und bedarf dazu demokratischer Legitimierung und Finanzierung durch gerechte Steuern. Derzeit hat der globalisierte Finanzsektor aber weltweit fast alle Staaten mehr oder weniger in Schuldknechtschaft, so dass die demokratisch legitimierte Souveränität der Steuerzahler über die von ihnen aufgebrachten Finanzmittel nicht mehr gegeben ist. Statt dessen fungiert die Staatsmacht als verlängerter Arm des Finanzsektors und schützt das private Kapitaleigentum vor dem solidarischen Gemeinwohl.

Keine Regierung entkommt der Schuldknechtschaft

Somit ist im Prinzip völlig egal, welche Regierung gewählt wird, diese kann letztlich garnicht anders als die Bedingungen ihrer Gläubiger zu erfüllen – das sichtbarste Beispiel für diese völlige Ohnmacht eines ganzen Volkes samt gewählter Regierung gegenüber wenigen Banken ist derzeit Griechenland. Theoretisch darf und kann ein souveräner Staat demokratisch legitimiert beschließen, seine Schulden zu annoullieren. Praktisch wird er dann international ausgehungert oder militärisch besetzt.

Paradoxon: Steuergeld rettet Banken und verhindert Rettung der Steuerzahler

Diese Situation führt zu dem Paradoxon, dass alternative Organisationsformen Steuern zahlen an einen Staat, der damit jenes Finanzsystem am Leben erhalten hilft, das alternativen Organisationsformen das Leben extrem schwer macht – Beispiel: die Waldviertler Schuhwerkstatt mit ihrem populären Front-Man Heini Staudinger, der durch sein Wirtschaften regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze ohne Geld aus dem Finanzsektor aufbaut und für seine innovativen Finanzierungsformen vom Staat, den er mitfinanziert, auch noch gestraft wird.

Doch gerade Heini Staudinger lebt vor, was jetzt von vielen dringend nötig wäre: TROTZ widriger wirtschaftlicher Bedingungen und demotivierender Gesetzeslage keinesfalls kuschen, sondern in die wirtschftliche und politische Offensive zu gehen, Menschen Mut zu machen durch alternatives, faires, nicht-ausbeuterisches realwirtschaftliches Handeln.

4. Neues Vertrauen schaffen

In realwirtschaftliche Werte und alternative faire Tauschbeziehungen, anstatt in fiktive, illusionäre Finanzmarktwerte.

Europäische Werte“: Setzt endlich die Aufklärung um!

Dieses Vertrauen in realwirtschaftliche Werte ist nur möglich auf der Basis von Vertrauen in menschliche Werte wie sie die europäische Aufklärung vor etwa 300 Jahren postuliert hat, auf die wir mit Recht stolz sind, aber von denen wir derzeit weiter denn je entfernt sind: Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, und nicht zu vergessen den kategorischen Imperativ von Kant, Inbegriff der aufgeklärten Moralphilosophie: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. – Oder in der volkstümlichen Form: Füge niemandem etwas zu, von dem du nicht möchtest, dass jemand es dir zufügt.

Nur auf dieser Basis kann Kredit wieder Vertrauen bedeuten und nicht uneinlösbare Schuld. Und nur auf dieser Basis sind gemeinwohlfördernde allseits befriedigende wirtschaftliche Beziehungen möglich, nämlich ehrliche (und nicht vorgegaukelte) „Win-Win“-Beziehungen.

Vertrauen schafft Wettbewerbsvorteil

Auf einer solchen Grundlage haben Klein- und Mittelbetriebe mit starker lokaler und regionaler Verankerung einen echten Wettbewerbsvorteil gegenüber anonymen, womöglich nur noch web-basierten „Brands“, denn sie pflegen neben der reinen geschäftlichen Beziehung auch parallel menschliche Beziehungen zu ihren KundInnen und PartnerInnen. Anonyme Großkonzerne können das nicht, trotz immer individualisierterer Benutzerprofile in der grenzenlosen Datencloud des Online-Marketing. Die Firma meines Vertrauens braucht dann kein Logo mehr zur Wiedererkennung, denn ich kenne das Gesicht ihres Chefs, der mich auf der Straße grüßt, und ich weiß wo ich ihn finde wenn ich ihn brauche.

Keine Achtung vor Verrätern an den Werten der Aufklärung!

Menschen und Unternehmen, die diese Werte nicht achten und zur selbstverständlichen, für alle wahrnehmbaren Grundlage ihres täglichen Handelns machen, sind nicht mehr vertrauenswürdig, ist gleich kreditwürdig. Sie sollten mit allgemeiner Nicht-Beachtung (=Ächtung) belegt werden, dann haben sie keinen wirtschaftlichen Erfolg. Konkret: Nichts von ihnen kaufen, ihnen nicht mehr zuhören, ihnen nichts glauben, ihnen nichts geben – es gibt genügend günstige Alternativen.

Es ist daher von größter Wichtigkeit, überall offen auszusprechen, dass das derzeitige Geldsystem kein Vertrauen verdient, hingegen ehrlich und transparent wirtschaftende heimische Unternehmen durchaus, und dass es daher moralisch, politisch, menschlich, wirtschaftlich, demokratisch und letztlich auch rechtsstaatlich zu vertreten ist, diesem System die staatliche Stützung in kleinen, verkraftbaren Schritten allmählich zur Gänze zu entziehen und ein alternatives Tauschsystem für Güter und Leistungen mit realwirtschaftlicher Deckung aufzubauen.

Die Vorreiter der Post-Krisen-Wirtschaftsordnung

Wer soll das kommunizieren und den politischen Boden dafür schaffen? Der Staat? Politische Parteien? Nein! Das können nur Menschen, Organisationen und Unternehmen tun, die selbst bereits jetzt wertebasiert im obigen Sinne wirtschaften und offen bekennen, dass sie für eine Alternative bereit sind. Viele innovative Start-Ups, „Social Entrepreneurs“, sozialwirtschaftliche Unternehmen, kooperative Unternehmen und auch viele klassische Unternehmen tun dies bereits heute. Sie sind die Vorreiter der Post-Krisen-Wirtschaftsordnung.

Ein Unternehmen, das in allen seinen Beziehungen diese Grundwerte nicht nur postuliert sondern lebt, ist nachhaltig und krisensicher, und mit hoher Wahrscheinlichkeit imstande, sich rasch an stark veränderte Rahmenbedingungen anzupassen, etwa nach einem völligen Umbruch des Wirtschaftssystems.

Solche Unternehmen sind meist von den EigentümerInnen selbst sehr engagiert geführt, lokal oder regional verankert, und überdurchschnittlich oft in Geschäftsfeldern aktiv, die mit Umweltschutz, nachhaltig produzierten Lebensmitteln, langlebigen Qualitätsprodukten, ganzheitlicher Gesundheit, Bildung, Kommunikation, erneuerbaren Energien, nachhaltigem Lebensstil und ähnlichem zu tun haben. Sie nehmen die Pflege langfristiger, gegenseitig beglückender menschlicher Beziehungen genauso wichtig wie ihren wirtschaftlichen Erfolg, den sie nicht unbedingt in monetärem Wachstum sehen, sondern im „Guten Leben“ für ihre MitarbeiterInnen, LieferantInnen, Partnerunternehmen, KundInnen, NachbarInnen und sich selbst.

Die Austria Glas Recycling, die ich im Rahmen meiner vielen unterschiedlichen Rollen seit 1990 kenne, erscheint mir als ein solches Beispiel für ein nachhaltiges Unternehmen, das die Nachhaltigkeit nicht nur in ihren Nachhaltigkeitsbericht schreibt (der übrigens lesenswert ist und zu Recht preisgekrönt), sondern dauerhaft mit Leben erfüllt. Denn es ist schließlich durchaus mutig für ein Unternehmen der Verpackungsindustrie, einen ketzerischen Text wie diesen hier zu veröffentlichen – in diesem Sinne Danke für das Vertrauen!

Fazit

Der Finanz-Crash ist unausweichlich, die Konsequenzen sind derzeit unvorhersehbar aber mit Sicherheit dramatisch. Doch die Gesellschaft hat Möglichkeiten, sich darauf so vorzubereiten, dass die zerstörerischen Folgen abgemildert werden können. Trotz derzeit dafür denkbar ungünstiger und sich sogar noch verschlechternden Rahmenbedingungen aufgrund kontraproduktiver staatlicher Unterstützung des destruktiven und unrettbar kollabierenden Finanzsektors wachsen viele kleine, von positiv denkenden Menschen getragene Start-Ups, Social Entrepreneurs, zivilgesellschaftliche Initiativen, kooperative Organisationsformen, experimentelle Lebens- und Wirtschaftsformen und alternative Geschäftsmodelle heran, deren wirtschaftlicher Erfolg nicht auf monetärem Profit sondern auf der Idee von einem guten Leben für alle basiert. Ihre Stärke liegt in ihrer Vielfalt, ihrer Kleinheit, ihren menschlichen Beziehungs-Vernetzungen und in ihrem hohen wertebasierten Engagement. Menschen, die in der regionalen Öffentlichkeitsarbeit tätig sind, wie kommunale Umwelt- und AbfallberaterInnen, haben eine Schlüsselrolle bei der Bewusstseinsarbeit für diesen Wandel, denn: Je mehr Menschen in solchen Initiativen und Organisationen arbeiten, sie ideell und materiell unterstützen und ihnen ihre Produkte und Leistungen abkaufen, anstatt finanzmarkt-dominierte globale Konzerne zu unterstützen, bei gleichzeitiger Reduzierung des materiellen Konsums auf ein menschliches Maß, desto besser vorbereitet wird die Gesamtgesellschaft auf temporäre Ausfälle von Zahlungs- und Warenverkehr, Lücken staatlicher Sicherungsleistungen und sogar gewaltbereite und hassbasierte politische Strömungen vorbereitet sein und desto besser wird ein Neubeginn mit einer nachhaltigeren Wirtschaftsform gelingen.

Autor

Matthias Neitsch war schon Anfang der 80er in der österreichischen Umweltbewegung aktiv (“Hainburg-Veteran”), arbeitete u.a. als Holzfäller, Wanderschäfer, Kinderbetreuer, Plakatierer, Tellerwäscher und Almhirte. 1990 machte er sein Umwelt-Engagement zum Beruf, als kommunaler Umwelt- und Abfallberater in der Steiermark. Seither ist er im Überschneidungsbereich Abfallvermeidung – Abfallwirtschaft und Sozialwirtschaft maßgeblich an Projekten, innovativen Entwicklungen, Veränderungs- und Vernetzungsprozessen österreichweit und auf EU-Ebene beteiligt, insbesondere im Thema „Re-Use“, zu deutsch: Wiederverwendung. Seit 1991 ist er Mitbegründer, langjähriger Vorsitzender und derzeit Sprecher und Geschäftsführer des Verbandes Abfallberatung Österreich. Seit 2006 ist er Mitbegründer, Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Vereines RepaNet – Re-Use- und Reparaturnetzwerk Österreich. In beiden Organisationen engagiert er sich für die Etablierung nachhaltiger, ressourcenschonender Lebensweisen und Konsummuster jenseits der Wachstums-Gesellschaft und arbeitet in zahlreichen Gremien und Arbeitsgruppen der österreichischen Abfallwirtschaft mit.

Kontakt: neitsch@repanet.at

Privat: Wanderer, Musiker, Historiker, Sagenerzähler, Nachbarschafts-Aktivist und Faulenzer mit Migrationshintergrund (“nitvodo”).

 

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