Nachhaltige Arbeit – A rising star!

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Die Zukunft der Arbeit muss nachhaltig sein, oder sie wird gar nicht sein!

– So könnte man die eindringliche Warnung zusammenfassen, die der Human Development Report 2015 zur Bedeutung von Arbeit für die menschliche Entwicklung dargelegt hat (UNDP 2015).

Mit Bezug auf die ebenfalls 2015 von der UN verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs) wird in dem UNDP–Bericht die politische Weichenstellung zu „nachhaltiger Arbeit“ eingefordert. Diese wird definiert als „Arbeit, die der menschlichen Entwicklung förderlich ist und gleichzeitig negative Außenwirkungen […] in verschiedenen geographischen und zeitlichen Zusammenhängen verringert oder ausschaltet. Sie ist nicht nur für die Erhaltung unseres Planeten entscheidend, sondern auch, um sicherzustellen, dass künftige Generationen weiterhin Arbeit haben.“ (UNDP 2015: 45) Über die Frage der ökologischen Konsequenzen der Arbeit hinaus werden auch globale Entwicklungsfragen thematisiert und eine umfassende gesellschaftliche Transformation der Arbeitsgesellschaft nahelegt, die alle Formen menschlicher Arbeit einbezieht. Also neben der Erwerbsarbeit auch die privaten Sorge- und Pflegtätigkeiten, alle kreativen und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, die Menschen für den Erhalt von Gesellschaften leisten.

Mit den genannten jüngeren Aktivitäten verschiedener UN-Gremien lässt sich eine internationale Belebung der Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung feststellen. Neu daran ist vor allem, dass dem Thema Arbeit und Nachhaltigkeit deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als zu Beginn der Nachhaltigkeitsdiskussion vor gut 30 Jahren; etwa indem eines der übergeordneten Ziele der SDGs in der Gewährleistung eines »nachhaltigen Wirtschaftswachstums und menschenwürdiger Arbeit für alle« (Ziel 8) besteht.

Wie die Zusammenhänge zwischen Arbeit und Nachhaltigkeit beschrieben, analysiert und nachhaltig transformiert werden können, ist bei den Repräsentanten des Nachhaltigkeitsdiskurs allerdings höchst strittig (Littig 2016).

Green Economy und green jobs versus Wachstumskritik und sozial-ökologische Tätigkeitsgesellschaft

Die VertreterInnen einer sog. grünen Ökonomie (green economy) setzen weiterhin auf Wirtschaftswachstum, technischen Fortschritt und grüne Technologie und damit letztlich auf grüne Vollerwerbsgesellschaften als Garant sozialer Inklusion und gesellschaftlichen Wohlstands. Verfechter einer derartigen green economy sind vor allem supra- und internationale Organisationen angefangen von der UN, der OECD, der EU aber auch viele früh industrialisierte Nationalstaaten. Die solchermaßen angestrebte Schaffung von neuen grünen Arbeitsplätzen ist auf breiter Ebene konsensfähig, auch zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften.

Die Green Economy als Strategie zur Modernisierung des fossilistischen Kapitalismus wurde inzwischen vielfach grundsätzlich hinterfragt (Brand 2012): Statt einer Lösung der sozial-ökologischen Krise wird aufgrund der globalen Ausbreitung der imperialen Lebensweise nach nördlichem Vorbild, der ungelösten Rebound-Effekte, der Landnahme (landgrabbing) im globalen Süden, der Ausweitung der agrarindustriellen Produktion z.B. von Biodiesel sowie der Dominanz großtechnologischer Projekte eher eine Fortschreibung sozialer Ungleichheiten und globaler Ungerechtigkeit erwartet. Letztlich handelt es sich bei der grünen Ökonomie, so die Vermutung, um ein „exklusives Modernisierungsprojekt“, das die sozialen und ökologischen Widersprüche des Kapitalismus nicht wird lösen können. Grundlegende Kritik wurde auch aus feministischer Sicht formuliert, u.a. aus Sicht der feministischen Ökonomie, die auf die Vernachlässigung der geschlechterspezifischen Voraussetzungen der formellen (auch der grünen) Ökonomie hinweist, weil die informelle, zumeist von Frauen erledigte Reproduktionsarbeit im privaten Haushalt gar nicht thematisiert wird. Und ob oder inwiefern Frauen vom propagierten Green-Job-Boom profitieren können, ist eher skeptisch zu beurteilen, sind die neuen guten, neuen grünen Arbeitsplätze doch eher in klassischen Männerdomänen von Technik und Naturwissenschaft zu finden.

Der Idee einer grünen Vollerwerbsgesellschaft lassen sich Ansätze gegenüber stellen, die zumeist vor dem Hintergrund kapitalistischer Wachstumskritik eine Transformation hin zu einer sozial-ökologisch nachhaltigen Tätigkeitsgesellschaft anstreben (Lessenich/Dörre 2014). Unter dem Motto ‘gesellschaftlich notwendige Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit’ wird die Erweiterung des Arbeitsbegriffs, die Neubewertung und die Umverteilung von Arbeit auch zwischen den Geschlechtern gefordert.

“Mischarbeit” als Referenz eines nachhaltigen Arbeitsbegriffes

Eine systematische Befassung mit dieser Thematik nahm schon um die Jahrtausendwende das Projekt „Arbeit und Ökologie“ vor (HBS 2000). Das dort entwickelte Konzept der sogenannten Mischarbeit kann inzwischen als Referenz angesehen werden, wenn es um die Ausbuchstabierung eines alternativen, nachhaltigen Arbeitsbegriffs geht: „Mischarbeit ist gekennzeichnet durch die Kombination verschiedener Tätigkeiten mit unterschiedlichen Gestaltungsprinzipien und Anforderungen, aus denen sich Mischqualifikationen und Mischbelastungen ergeben. Schließlich entspricht der Mischung der Arbeiten eine Kombination verschiedener Einkommen (Mischeinkommen) und das heißt eine soziale Absicherung, die nicht allein auf Erwerbsarbeit beruht, sondern aus mehreren Quellen resultiert und deren Basis eine gesellschaftliche Grundsicherung sein könnte.“ (Hildebrandt 2003, S. 390)

Das Plädoyer für „Mischarbeit“ beruht auf der Analyse gegenwärtiger Trends der gesellschaftlichen Arbeitsverhältnisse – vor allem der zunehmenden Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit und der weitgehenden Erosion des sogenannten (männlichen) Normalarbeitsverhältnisses der Nachkriegszeit zugunsten prekärer Beschäftigung. Ausgehend von dieser Bestandsaufnahme und Bezug nehmend auf das Nachhaltigkeitsparadigma der mehrdimensionalen Verteilungsgerechtigkeit wurden in dem Projekt normative Leitlinien von sozialer Nachhaltigkeit bestimmt; u.a. selbstbestimmte Lebensführung, bürgerschaftliche Partizipation, Chancengleichheit, ökologisch verträgliche Grundbedürfnisbefriedigung, die Möglichkeit zu persönlicher Entfaltung sowie die Erhaltung von Gesundheit. Die Umsetzung von sozialer Nachhaltigkeit und Mischarbeit als ihrem Leitkonzept bedarf spezifischer politischer Maßnahmen. Dazu zählen prominent eine sozial-ökologische Steuerreform und eine generelle (Erwerbs-)Arbeitszeitverkürzung (auf 20-25 Stunden pro Woche), durch die eine Umverteilung von Arbeit erreicht werden

Die Auseinandersetzung mit den ökologischen und sozialen Folgen des kapitalistischen Wachstumsparadigma motiviert auch eine Vielzahl sozialer Bewegungen und zivilgesellschaftlicher Initiativen zur Suche nach alternativen Lebens- und Arbeitsformen als mögliche Lösung der sozial-ökologischen Probleme. Dazu gehören verschiedene Formen genossenschaftlichen Wirtschaftens und alternative Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, wie sie etwa in Projekten der solidarischen Ökonomie, der Transition Town Bewegung (1), den Ecovillages (2) , der Subsistenzwirtschaft oder auch in urbanen wie ländlichen Gemeinschaftswohnprojekten praktiziert werden.

Ein Ausblick auf plurale Entwicklungen- aus geschlechterpolitischer Sicht

Die Szenarien einer nachhaltigen Arbeitsgesellschaft beinhalten deutlich unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Entwicklungspfade heute schon, aber auch zukünftig verfolgt werden sollen. Dabei sind sowohl die grüne Ökonomie als auch die alternativen Arbeits- und Lebensprojekte im Umfeld der neuen sozialen Bewegungen was ihre praktische Umsetzung angeht auf dem Vormarsch; die Debatte um einen erweiterten Arbeitsbegriff und die Umverteilung von Arbeit ist deutlich mehr eine Fachdebatte als eine öffentlich geführte. Dies könnte sich allerdings im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung (Stichwort Industrie 4.0) durchaus ändern; dann nämlich wenn die digital vernetzte Wertschöpfung mit zunehmender Rationalisierung massenhaft Arbeitskräfte frei setzt. Dadurch könnten die Diskussionen um Arbeitszeitverkürzung eine ganz neue Dynamik bekommen; wenn auch nicht unbedingt aus umweltpolitischen Gründen.

Die genannten Diskursstränge schließen sich nicht gänzlich wechselseitig aus, aber sie entwickeln sich nebeneinander weiter. Geschlechterpolitische Fragestellungen werden in den Szenarien zumeist marginalisiert, obwohl Geschlechtergleichstellung nicht erst seit den neuen SDGs (Ziel 5), sondern von Anbeginn ein Nachhaltigkeitsziel ist. Wenn sie thematisiert werden, sind sie vielfach ein Add-on und kein substanzieller Bestandteil der jeweiligen Ansätze. Immerhin gibt es einzelne Bemühungen, dies zu ändern. Dazu gehört auch der jüngste Bericht über die menschliche Entwicklung der UNEP (2015), der sich speziell der Bedeutung von Arbeit in ihrer Vielgestalt für menschliche Entwicklung befasst und durchwegs Geschlechterdifferenzen behandelt. Als nachhaltige Arbeit gilt in dem Bericht Arbeit, die die menschliche Entwicklung fördert, die zur Erhaltung des Planeten beiträgt und Arbeitsmöglichkeiten auch für zukünftige Generationen sichert. Damit dies möglich ist, werden unverträgliche Arbeitsplätze verschwinden oder transformiert werden müssen, aber auch neue Arbeitsformen geschaffen werden müssen (ebenda: 18).

Dass diese Veränderungen Männer und Frauen im globalen Süden und Norden und je nach ihrer sozialstrukturellen Positionen in unterschiedlicher Weise betrifft, kann nicht oft genug betont werden. Eine Arbeitsgesellschaft ohne rechtliche und faktische Gleichstellung der Geschlechter kann jedenfalls nicht nachhaltig sein.

Links
(1) www.transition-initiativen.de 
(2) gen.ecovillage.org/de

 


Autorin

Beate Littig ist habilitierte Soziologin und leitet die Forschungsgruppe „Sozial-ökologische Transformationsforschung“ am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

Ihre Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre beinhal­ten u.a. nachhaltige Arbeit(sgesellschaften), nachhaltige Lebensfüh­rung und Alltagspraktiken, Praxistheorien und ihre Methodologie, Gender Studies, qualitative Forschungsmethoden. Sie ist Mitglied des von der Stiftung Future Earth geförderten Netzwerks „nachhaltige Arbeit“. Jüngste Forschungsarbeiten befassen sich mit der Qualität und Quantität von „Green Jobs“, mit Indikatoren sozialer Nachhaltigkeit sowie mit Arbeiten und Leben in alternativen Wohnprojekten. Zusammen mit Thomas Barth und Georg Jochum hat sie 2016 den Sammelband  „Nachhaltige Arbeit“ (Campus Verlag, Frankfurt) herausgegeben.

Zitierte Literatur

Brand, Ulrich (2012): ‘Green Economy – the Next Oxymoron? No Lessons Learned from Failures of Implementing Sustainable Development,’ GAIA 21, S. 28-32

HBS (Hans Boeckler Stiftung) (Hg.) (2000), Wege in eine nachhaltige Zukunft. Ergebnisse aus dem Verbundprojekt Arbeit und Ökologie, Düsseldorf

Hildebrandt, Eckart (2003), Arbeit und Nachhaltigkeit. Wie geht das zusammen? in: Linne, Gudrun/ Schwarz, Michael (Hg.), Handbuch nachhaltige Entwicklung, Opladen, S. 381–393

Lessenich, Stefan , Dörre, Klaus (2014) (Konzept und Koordination): Grenzen des Wachstums – Grenzen des Kapitalismus. Schwerpunktheft der WSI-Mittelungen, 07/2014

Littig, Beate (2016): Nachhaltige Zukünfte von Arbeit? Geschlechterpolitische Betrachtungen, in: Barth, T., Jochum, G., Littig, B. (Hg): Nachhaltige Arbeit? Soziologische Beiträge zur Neubestimmung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, Frankfurt am Main, S. 75-97

UNDP (United Nations Development Programme) (Hg.) (2015), Bericht über die menschliche Entwicklung 2015: Arbeit und menschliche Entwicklung, Berlin

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