Glasrecycler der ersten Stunde: das österreichische Familienunternehmen Waizinger

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Waizinger Gottfried - Pionier der Altglassammlung in Österreich

Die Firma Waizinger Ges.mbH + Co KG zählt zu Österreichs Pionierunternehmen der Altglassammlung. Monika Piber von Austria Glas Recycling sprach anlässlich 45 Jahre Glasrecycling in Österreich mit dem Geschäftsführer Gottfried Waizinger über die Anfänge, damalige und aktuelle Herausforderungen. Und über die eine oder andere persönliche Erinnerung.

Altglasentsorger seit 1977

Monika Piber: Was ist Ihre erste Erinnerung an die Altglassammlung?

Gottfried Waizinger: Ich kann mich noch gut erinnern, wie mein Vater im Radio hörte, dass in Oberösterreich eine Altglassammlung gestartet werden soll. Das war 1977. 5 Jahre nachdem das erste Müllgesetz in Oberösterreich in Kraft getreten war. Waizinger war damals ein Taxi, Transport- und Baggerunternehmen und hat seit dem Jahre 1972 auch schon die Müllabfuhr in einigen Landgemeinden durchgeführt. Im Radio wurde die Österreichische Produktionsförderungsgesellschaft genannt. Mit dieser nahm mein Vater Kontakt auf und wurde mit einem Pilotprojekt beauftragt.

So kam es, dass seit 1977 auch die Altglassammlung zum Portfolio unseres Unternehmens gehört.

Monika Piber: Was waren damals die Herausforderungen in Österreich?

Gottfried Waizinger: Es war damals völlig unklar, ob die Menschen mitmachen, ob sie bereit sind, Müll zu trennen. Bis dahin wurde ja der gesamte Müll gemeinsam in einer Tonne erfasst, eingesammelt und auf eine wilde Deponie gebracht. Mit dem Pilotprojekt wollte man herausfinden, wie die Menschen reagieren. Trennen sie Altglas vom Restmüll? Bringen sie es zu den Behältern, die eigens dafür aufgestellt wurden?

Im Rahmen des Pilotprojektes wurden Sammelbehälter zunächst bei Supermärkten aufgestellt. Einer davon war in Marchtrenk. Sonntagsausflüge der Familie Waizinger führten manchmal dorthin. Mein Vater und ich prüften, ob Altglas drin war und ob es sich lohnt, am Montag mit dem Sammelfahrzeug herzufahren.

Es waren völlig andere Behälter im Einsatz als heutzutage. Eigentlich waren es Boxen mit Deckel und Infotafel. Waren die Boxen voll, entfernten wir die Deckel und die Infotafel und montierten diese an die leeren Boxen. Die vollen Boxen hievten wir auf den LKW, ein Kipperfahrzeug. Die leeren Boxen hievten wir auf den Sammelplatz.

Als wir merkten, die Bevölkerung nimmt die Altglassammlung gut an, es wird mehr und mehr Altglas gesammelt, investierte mein Vater zunächst in einen Sattelschlepper mit Tiefblatt für niedrige Beladung. Damit konnten wir eine größere Anzahl an Boxen transportieren als mit dem Kipperfahrzeug. Sobald ich den Führerschein hatte, war ich auch als Entsorgungsfahrer im Einsatz. Insbesondere zu Tageszeiten, wo es für unsere Mitarbeiter ungünstig war. Auch rund um Feiertage erledigte ich fallweise die Sammeltouren.

Das Land Oberösterreich forcierte die Altglassammlung. Es kaufte Sammelbehälter an und stellte diese den Gemeinden, die mehr als 1000 Einwohner zählten, zur Verfügung. Das Interesse der Gemeinden wuchs und so wuchs auch die Altglassammlung.

1987: erster Altglasbehälter von Waizinger

Monika Piber: Was war Ihrem Unternehmen damals wichtig?

Gottfried Waizinger: Mein Vater war Schlosser. Und er war ein Tüftler. Man kann sagen, ein Innovator. Er nahm an allen Geräten, ob Behälter oder LKW, immer Verbesserungen vor, damit die Abläufe vereinfacht werden konnten, schneller werden konnten. Er war immer am Optimieren.

Eine Begebenheit illustriert das besonders gut. Für die Städte Linz, Wels und Steyr stellte das Land 1982 Behälter in Igluform mit Bodenöffnung aus glasfaserverstärktem Kunststoff zur Verfügung. Waizinger investierte in einen neuen LKW, um diese Behälter entleeren zu können. Doch der Kunststoff hielt nicht dauerhaft.  Das Land ersuchte den Produzenten, die VOEST, um eine verbesserte Variante, eine Weiterentwicklung. Die VOEST jedoch stellte die Herstellung ein. Einer unserer Mitarbeiter, ein Fahrer, der in seinen täglichen Entsorgungstouren den Mangel an Behältern bei gleichzeitigem Zuwachs von Altglas unmittelbar erlebte, sagte zu seinem Chef, meinem Vater, er solle doch selbst einen Behälter entwickeln.

Mein Vater zögerte zunächst. Nun, wir wissen, wie es kam. Am 5. Juli 1987 stellte Waizinger den ersten selbstentwickelten Altglassammelbehälter vor. Aus Stahl, verzinkt und mit mittig geteilten Bodenklappen. Die Innovation: Die Behälter konnten mit dem Stapler gehoben und die beiden Bodenklappen mit 4 Staplergabeln hydraulisch nach außen gedreht werden und gaben so den Weg für das Altglas in den LKW frei.

Die Präsentation dieses von Waizinger entwickelten Altglassammelbehälters erfolgte im Rahmen einer Pressekonferenz am Interspargelände in Linz. Es kamen Bürgermeister, Entscheidungsträger aus der Wirtschaft, Vertreter der Landesregierung. Es war eine richtig große Sache. Lange Zeit war ja die Altglassammlung eher ein Randthema. Aber in den 1980er nicht mehr. Ich erinnere mich an Schlagzeilen wie ‚Deponienotstand‘, ‚Müllnotstand‘. Unter dem damaligen Umweltlandesrat Pühringer, dem späteren Landeshauptmann, wurden die LAVU und in jedem Bezirk ein Bezirksabfallverband gegründet.

Eine der ersten Tätigkeiten der LAVU war 1987 die Ausschreibung der Altglassammelbehälter für das Land Oberösterreich. Da war ich bereits seit einem Jahr Geschäftsführer. Ich nahm selbstverständlich an der Ausschreibung teil und Waizinger erhielt den Zuschlag für die Ausstattung von etwa einem Drittel des Landes Oberösterreich mit Altglassammelbehältern.

Innovationen und Speziallösungen für attraktive, erfolgreiche Altglassammlung

Monika Piber: Was waren und sind Ihre Schwerpunkte als Geschäftsführer?

Gottfried Waizinger: In meine Anfangszeit als Geschäftsführer fiel das Wachstum der Altglassammlung und überhaupt der Altstoffsammlung. Ab Geltung der Verpackungsverordnung 1993 kam die Sammlung von Kunststoffverpackungen hinzu. Das Umweltbewusstsein wuchs stetig an. Die Menschen wurden mehr und mehr zu fleißigen Altstoffsammlerinnen. Wir sind Partner der Altstoffsammelsysteme, der Kommunen und der Betriebe. Es ist mir enorm wichtig, gemeinsam mit allen unseren Partnern das Glasrecyclingsystem weiterzuentwickeln. Das hat sich bisher bewährt und wird auch in Zukunft eine große Innovationskraft entfalten. Wir bieten individuelle Speziallösungen für Betriebe genauso an wie Lösungen, die für einen ganzen Bezirk, ein ganzes Bundesland taugen und die wir gemeinsam mit Austria Glas Recycling konzipieren. Das braucht es, wenn wir die hohen Sammel- und Recyclingleistungen bei Glasverpackungen halten oder gar noch weiter steigern wollen.

Speziallösung für die Altglassammlung in der Plus-City in Linz, entwickelt von Waizinger in Zusammenarbeit mit Austria Glas Recycling und Plus-City

Monika Piber: Welche Herausforderungen sehen Sie?

Gottfried Waizinger: Ich denke, die große Herausforderung für die Altglassammlung, die bei der Bevölkerung in hohem Maße akzeptiert ist, liegt im Lärm. Lärm sowohl beim Entsorgen von Glasverpackungen in den Sammelbehälter als auch bei der Entleerung der Sammelbehälter in den LKW. Lärm ist ein Stressfaktor. Ich investiere viel Zeit und Ingenieurwissen, um die Altglassammlung leiser zu gestalten. Eigentlich leiser, leichter und sicherer.
(Anmerkung: Siehe den Blogbeitrag ‚Leiser, leichter, sicherer. Link am Ende des Interviews).

Auch schwebt mir vor, die Altglassammelbehälter attraktiver zu gestalten. Vor allem in Städten könnte das zu einer Motivationssteigerung führen. Der Altglasbehälter als schickes, fotogenes, urbanes Element, zu dem man gerne geht. Das fände ich eine spannende Designaufgabe und eine wichtige Entwicklung.

Aktuell stehen wir außerdem vor der Herausforderung – wie viele Branchen – dass wir Arbeitskräfte suchen und nur schwer finden. Fahrer aber auch Ingenieure und Informatiker. Insbesondere für die Entwicklungen am digitalen Sektor brauchen wir Expert*innen. Denn wir müssen gut abwägen, wie wir in der Altstofflogistik die digitalen Instrumente einsetzen, sodass diese uns dienen, uns unterstützen. Das Steuer – im übertragenen Sinn aber wahrscheinlich auch im Wortsinn im LKW – müssen wir Menschen in der Hand behalten. Derzeit probieren wir viel aus. Das ist sehr spannend und könnte ein reizvolles Aufgabengebiet für junge Menschen sein. Digitalisierung in der Kreislaufwirtschaft. Mehr Zukunft geht fast gar nicht.

moderner Doppelkammerbehälter made by Waizinger, mit Lorbeerkranz versehen by Verdino.com

Nachhaltigkeit versus Bequemlichkeit – Spannungsfeld bei Altglassammlung

Monika Piber: Altglassammlung in 2050 – was wird dann sein?

Gottfried Waizinger: Ich sehe derzeit zwei Trends: Einerseits ein sehr starkes Bewusstsein für Ressourcenschonung und Umweltschutz, Nachhaltigkeit. Andererseits ein großer Hang zur Bequemlichkeit. Ich frage mich, ob sich das immer ausgeht. Die Altglassammlung wird nur schwer ganz nah zu den Haushalten kommen können, wie dies mit Kunststoff und Metall aktuell forciert wird. Ein paar Schritte wird es wohl immer brauchen, um leere Glasverpackungen sorgfältig zu entsorgen. Ich bin zuversichtlich, dass der Nachhaltigkeitstrend stärker ist als der Bequemlichkeitstrend. Dass die Menschen weiterhin einen Beitrag für den Ressourcenschutz leisten, auch wenn er eine kleine Mühe kostet und nicht unmittelbar belohnt wird.

Monika Piber: Was möchten Sie im Zusammenhang mit der Altglassammlung in Österreich unbedingt zum Ausdruck bringen?

Gottfried Waizinger: Für mich persönlich ist die Altglassammlung ein Business, das Freude bereitet. Meine Firma konnte an der Entwicklung mitwirken, positive Beiträge leisten. Insgesamt ist Glasrecycling ein freudvolles Geschäft. Das Material ist perfekt für Recycling, die Industrie profitiert davon, Altglas einsetzen zu können, wir betreiben Umwelt- und Ressourcenschutz, Jobs im Glasrecycling haben Perspektive und können als sinnstiftend erlebt werden. Auch wenn sie manchmal sehr hart und anstrengend sind.  

Monika Piber: Vielen Dank für das Gespräch!

Autor

Ing. Gottfried Waizinger, Eigentümer und Geschäftsführer der Waizinger Ges. mbH + Co KG, Dietach/Steyr, Oberösterreich.  Sohn des Unternehmensgründers, der bereits in den 1970er Jahren zu den Pionieren des Glasrecyclings in Österreich zählte. Bevor Gottfried Waizinger in den Familienbetrieb einstieg und diesen schließlich übernahm, war er in den ehemaligen Steyr-Werken im LKW-Versuch tätig.
E-Mail: g.waizinger@waizinger.at

Links

Waizinger Ges.mbH + Co KG: www.waizinger.at

LEISER – LEICHTER – SICHERER: Aktuelle Entwicklungen bei Altglassammelfahrzeugen auf dem Weg zum nachhaltigen Glasrecycling – Die wunderbare Welt des Glasrecyclings

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