Nachhaltigkeit im Alltag zwischen Ideologie, Aktionismus und Wissenschaft

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Renate Hübner - forscht zu Nachhaltigkeit

Ein Konsument (K), ein Bürger (B) und eine Nachhaltigkeitsforscherin (N) erreichen die Almhütte, stellen die großen Rucksäcke ab und lassen sich an einem der Holztische nieder. Nachdem sie in großen Zügen Wasser getrunken haben, nehmen sie ihr Gespräch wieder auf.

K:    Ja, hier hat man eine wunderbare Aussicht auf den See und die Berggipel. Eigentlich müsste man gar nichts ändern, sondern sich bemühen, das zu erhalten.
B:    Naja, die Unwetter heuer waren schon ungewöhnlich heftig, finde ich. Aber nochmals: Was machen Sie genau als Nachhaltigkeitsforscherin?
N:    Das ist einfach zu erklären – als Forscherin stelle ich Fragen, deren Beantwortung mich und/oder die Gesellschaft interessieren könnten oder sollten. Und der Fokus „Nachhaltigkeit“ beschreibt die Denkrichtung, in welcher die Fragen entstehen.
B: Nachhaltigkeit als Denkrichtung? Wie ist das zu verstehen?
K:   Nachhaltigkeit hab ich schon oft gehört oder gelesen. Alles ist ja inzwischen nachhaltig, vom Duschgel bis zum Beton und den Finanzanlagen, nun halt auch Denkrichtungen. Ich kann das schon gar nicht mehr hören.
N:   Ja, das versteh ich. Und es ist für Nachhaltigkeitsforscher gar nicht leicht, das hinter dem Begriff stehende Konzept zu erklären. Nachhaltigkeit ist zu einem Schlagwort geworden, das positiv besetzt ist und von diesem Image möchte einfach jeder profitieren. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil der Begriff sich eben sehr rasch verbreitet hat und schlecht, weil er so inflationär verwendet wird, dass er für viele halt ziemlich inhaltsleer wirkt. Dabei steckt in ihm was Visionäres.
K:   Visionen sind was Schönes, aber die hat man als junger Mensch. Irgendwann landet man im Alltag zwischen Job, Haushalt und vielleicht auch Familie und muss funktionieren. Visionen stören da eher, vernünftiger ist, man fügt sich, passt sich an.
B:   Ist das wirklich vernünftiger? Zunehmend mehr Menschen haben das Gefühl, dass vieles nicht mehr passt. Mir scheint, es gibt so ein diffuses Unbehagen in der Gesellschaft, dass „zu funktionieren“ auf Dauer nicht gut tut und nicht gut ist – auch wenn sich viele bemühen, alles richtig zu machen. Burn-out und andere Zivilisationserkrankungen steigen, die Menschen ernähren sich ungesund, bewegen sich immer weniger und werden immer dicker und haben immer mehr Stress irgendwie. Und die negativen Auswirkungen auf Gesundheitssystem und Umwelt sind auch schon erkennbar. Am Klimawandel wird schon was dran sein und dass wir in den Industrieländern viel mehr Ressourcen verbrauchen als fair und gerecht wäre, ist auch nicht ganz neu. Das muss Spannungen, auch global, erzeugen. Irgendwie muss sich was ändern. Irgendwie wollen, glaub ich, immer mehr Menschen vieles anders machen, aber wissen nicht wie und was. Vielleicht liegt‘s daran, dass einfach Visionen fehlen.
K:   Das kann schon sein, aber was hab ich von Visionen? Ich bin schon froh, wenn ich halbwegs gut über die Runden komme. Ich bemühe mich eh, mich fit zu halten, weniger Fleisch zu essen, Energie zu sparen, fair trade und biologische Lebensmittel zu kaufen, Abfälle zu trennen usf. Ich kann jetzt nicht mein ganzes Leben ändern.

N:   Ja, das ist schwierig. Als Individuum kann man zwar schon beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Aber dem Individuum sind Grenzen gesetzt. Man ist in Routinen und Verpflichtungen als Arbeit- oder Unternehmer, als Mutter oder Vater, als Beamte, Pädagogin, als Arzt oder Ärztin, als Politikerin, als Verkäufer usf. verhaftet. Aber die damit verbundenen Funktionen, Aufgaben, Pflichten sind keine Naturgesetze. Auch wenn wir so tun, als ob Sachzwänge so was Ähnliches wären.
B:   Aber sich von Sachzwängen zu befreien ist nicht leicht, man müsste bereit sein, auszusteigen und nicht jeder ist der Typ dazu. Man müsste auf vieles verzichten, vermutlich auch auf soziale Einbettung, auf Freunde oder eine Pension usf.
N:   Deshalb braucht‘s ja eine gemeinsame Vorstellung, was und wie es anders werden soll, also eine Art kollektive Vision.
K:   Ja, aber wie soll die entstehen? Und außerdem lasse ich mir von anderen sicher nicht vorschreiben, was ich anders machen soll.
B:   Ich glaub, darum geht es gar nicht. Keiner will irgendeinen Diktator, der uns zu etwas zwingt, selbst wenn es für alle gut wäre. Das Problem ist vielmehr, dass viele zwar bereit wären, etwas zu ändern, aber es ist unklar, was sinnvoll, also wirksam wäre. Ich weiß auch nicht, wie eine kollektive Vision entstehen kann. Vielleicht verhindern das sogar genau jene Sachzwänge, die Sie vorher erwähnt haben. Es bleibt ja zwischen arbeiten, fortbilden, fit halten und halbe halbe im Haushalt kaum Zeit. Sich gesellschaftlich zu engagieren ist da nicht einfach, ich tu halt spenden. Einzig beim Einkaufen hat man noch eine halbwegs große Auswahl. Aber da wäre es wiederum hilfreich, wenn man sich auskennen würde, ob jetzt Bio oder Öko besser wäre oder ob man sich primär für regionale Produkte entscheiden soll. Oft hab ich den Eindruck, dass niemand weiß, was nun wirklich richtig wäre. Aber vielleicht können Sie uns das als Experte sagen? Wie war das vorhin – wofür sind Sie nun eigentlich Experte?
N:   Ihr Vertrauen in Experten ehrt mich zwar, aber es ist nicht leicht Expertin zu sein, für etwas, das so schwer fassbar ist wie Nachhaltigkeit. Manchmal hat man den Eindruck, es wird erwartet, dass man „Experte für eh alles sei“. Und die Sache wird noch komplizierter, wenn man erklären muss, dass die Kategorien „richtig“ und „falsch“ im Nachhaltigkeitskonzept keinen Platz haben. Ich werd’ versuchen darzulegen, um welche Themen es geht. Wie Sie schon erwähnt haben, gehen Expertinnen, die den Zustand des Planeten erforschen, davon aus, dass die Existenzgrundlagen der Menschheit irreversibel zerstört werden, wenn wir so weiter machen, wie in den letzten 100 bis 200 Jahren. Damit ist gemeint, dass wir in relativ kurzer Zeit dem Planeten relativ viele Ressourcen entnehmen und relativ viele schwer bis gar nicht abbaubare Abfallstoffe an die Natur und an die Atmosphäre abgeben und damit die Prozesse der Regeneration der Ökosysteme empfindlich stören – das ist vielleicht sogar das gravierendere Problem. Ökosysteme, die sich nicht regenerieren können, sterben oder verändern ihr Verhalten in einer Art und Weise, dass der Mensch existenziell bedroht ist: Gewässer kippen, Biodiversität geht verloren, der Klimawandel wird zu einem Anstieg des Meeresspiegels führen, wodurch die Heimat vieler Menschen verloren geht, Wüsten werden sich weiter ausbreiten, Extremwetterereignisse wie Dürren, Stürme und Hochwässer nehmen zu. Es geht also für viele Menschen um viel mehr als halt zum Skifahren etwas weiter und in höhere Regionen zu fahren.

Ist Nachhaltigkeitsforschung Klimaforschung? Oder Umweltforschung?

B:   Also hängt Nachhaltigkeitsforschung mit Klimaforschung zusammen?
N:   Ja, insofern, als die Klimaforscherinnen herausgefunden haben, dass der Mensch den Klimawandel mitverursacht hat und dass dieser innerhalb der nächsten 100 bis 200 Jahre die Existenzgrundlagen vieler Menschen drastisch verändern oder ganz zerstören wird, wenn wir so weiter machen. Die Klimaforschung zeigt auch, dass das Klima sich nicht an nationale oder kontinentale Grenzen hält und dass nationale Maßnahmen nichts helfen, wenn es keine globalen Einigungen gibt.
B:   Aber was hat das nun mit Nachhaltigkeit zu tun?
N:   Diese Erkenntnisse zeigen, dass sich die Menschheit auf einem Entwicklungspfad befindet, der nicht nachhaltig, also nicht dauerhaft, nicht langfristig durchhaltbar ist. Im Begriff Nachhaltigkeit steckt eine Vorstellung von Dauerhaftigkeit. Richtiger müsste man allerdings von „Nachhaltiger Entwicklung“ statt von Nachhaltigkeit sprechen. Letzteres vermittelt ja eher einen Zustand oder etwas Festes und Leben hingegen ist prozesshaft. Eine Entwicklung die nachhaltig ist, enthält diesen dynamischen Aspekt. Bei nachhaltigem Beton ist das anders: dieser soll möglichst lange den gleichen Zustand halten und bei nachhaltigen Duschgels geht’s vermutlich darum, dass der gute Geruch möglichst lange hält.
K:   Also das mit dem nachhaltigen Duschgel ist mir nun klar. Aber dass Leben eine dynamische Sache ist, ist nun nichts Neues für mich. Was daran dauerhaft sein kann oder sein soll. Ich weiß nicht, das klingt ziemlich abstrakt.
N:   Eine gesellschaftliche Entwicklung, die dauerhaft, also langfristig fortgeführt werden kann, ist eine solche, die Menschen auch in Zukunft ermöglicht, ihre Ideen von Leben und Zusammenleben, von Erkenntnis und Wohlstand realisieren können. Dies ist kaum möglich, wenn zuwenig Ressourcen vorhanden bzw. diese dermaßen verunreinigt oder verdichtet sind, dass sie nicht mehr nutzbar sind. Eine nachhaltige Entwicklung ist also eine gesellschaftliche Entwicklung, die es den Menschen jetzt und künftig ermöglicht ihre Ideen zu realisieren ohne die Potenziale der Natur langfristig zu zerstören.

K:   Also ist Nachhaltigkeitsforschung Umweltforschung?
N:   Nein, aber der Bezug zur Umweltforschung ist ähnlich wie zur Klimaforschung. Umweltforschung beschäftigt sich mit dem Funktionieren und nicht Funktionieren von und Wechselwirkungen zwischen Ökosystemen. Dazu gehören auch Entstehungs-, Entwicklungs- und Regenerationsprozesse, also wie Ökosysteme mit Störungen umgehen. Nachhaltigkeitsforschung beruht auf Erkenntnissen der Klima- und Umweltforschung, geht aber darüber hinaus, indem sie die Frage verfolgt, wie sich unsere gegenwärtige Gesellschaft, unsere Kultur bzw. Muster ändern müssen, damit weniger Umwelt, weniger Natur verbraucht bzw. zerstört wird und wie eine entsprechende dauerhaft mögliche gesellschaftliche Entwicklung aussehen könnte.
B: Ok, das Ziel ist weniger Ressourcenverbrauch. Demnach ist Nachhaltige Entwicklung eine, in welcher die Gesellschaft wesentlich effizienter mit Ressourcen umgeht. Und da hat sich ja wirklich viel getan in den vergangenen Jahrzehnten.
N: Sie haben Recht, unsere Gesellschaft ist effizient wie nie zuvor – und verbraucht dennoch mehr Ressourcen als je zuvor. Effizienzsteigerung genügt also leider nicht.
K: Warum nicht?
N: Effizienz ist eine relative Größe, bezieht sich auf eine Zeiteinheit, ein Produkt, eine Nutzungseinheit, ein Unternehmen oder einen Haushalt. Wenn Autos weniger Treibstoff pro Kilometer verbrauchen, wird dieser Effizienzgewinn aber oft dadurch kompensiert, dass bspw. weiter gefahren wird oder größere oder stärkere Autos gekauft werden. Solche Effekte nennt man Reboundeffekte und von diesen gibt es eine ganze Menge. Es braucht also neben Effizienzverbesserungen auch Strategien, die den Ressourcenverbrauch, den Energiebedarf, die CO2-Emissionen und Abfallmengen absolut reduzieren.
B: Was heißt das konkret?
N: Ein in Österreich lebender Mensch beispielsweise „verbraucht“ derzeit pro Jahr 21 Tonnen Ressourcen, „erzeugt“ in dieser Zeit 7 Tonnen Abfall, „nutzt“ 5,6 Ha Bodenfläche und emittiert fast 10 Tonnen CO2. Und diese Zahlen steigen stetig und in ziemlich ähnlichem Ausmaß wie das Wirtschaftswachstum.
K: Moment – diese Zahlen kommen mir ziemlich überhöht vor. Warum soll ich oder Sie 21 Tonnen Ressourcen verbrauchen? Laut Abfallstatistik, die jüngst in der Zeitung war, fallen in Österreich etwas über 500 kg Abfall pro Kopf an. Wie kommen Sie auf die 7 Tonnen? Das ist ja absurd…
B: Ich nehme an, beim Ressourcenverbrauch sind auch der Tunnelbau, der Bau von Gebäuden und Anlagen, das Verlegen von Leitungen usf. dabei. Bei den Abfällen werden die Gewerbe-, Bau-und Industrieabfälle vermutlich mitgerechnet. Und der Flächenverbrauch ist sicher weltweit gerechnet, weil es sich sonst ja mit der Fläche Österreichs nicht ausginge, da steht für die derzeit 8,5 Mio Einwohner ja nicht mal 1ha pro Einwohner zur Verfügung.

Müllkinder in Indien und unser Elektronikschrott in Ghana

N: So ist es. Das ist ja das Problem – wir in Österreich leben so, wie wenn es Österreich 3 Mal gäbe. Wenn alle Menschen unseren Lebensstil praktizieren würden, bräuchte die Menschheit 3 Erden, der Lebensstil der US-Amerikaner würde 6 Erden erfordern. Diese ressourcenintensiven Lebensstile in den reicheren Industriestaaten sind eben nur möglich, weil eine Menge Ressourcen und Flächen außerhalb der eigenen Länder mitgenutzt werden, indem ein Großteil der Güterproduktion in ärmere Länder ausgelagert wurde. Die industrielle Nutzung von Flächen und Ressourcen hat in vielen Fällen jene traditionellen Formen der Naturnutzung der ansässigen Bevölkerung, die deren Existenz langfristig ermöglichten, sehr verändert. Sehr häufig wurden und werden dadurch das Gefüge der natürlichen Gegebenheiten und das Gefüge der menschlichen Gesellschaften in den jeweiligen Regionen erschüttert. Das sind Interventionen in fremde Kulturen, bisherige Wertsysteme verlieren ihre Bedeutung, was früher richtig war, ist’s plötzlich nicht mehr und was künftig als gut und richtig gelten soll, müsste erst gemeinsam entwickelt werden. Das Gemeinsame gibt es aber in der früheren Form nicht mehr… gestörte oder gar zerstörte Identitäten und Existenzen sind die Folge.
B: Ja, das hat der Film „Darwin‘s Nightmare“ sehr drastisch vermittelt…
K: Den hab ich auch gesehen, war ziemlich betroffen und ratlos danach. Ebenso nachdem ich die Dokus über die Müllkinder in Indien oder über das Ausglühen der rezyklierbaren Teile unseres Elektronikschrotts in Ghana gesehen habe. Aber was kann man als Einzelner dagegen tun? Da ist doch die Wirtschaft schuld. Da muss die Politik endlich was machen.
B: Was heißt „die Politik“ – die Politik sind wir! Und ob man der Wirtschaft so einfach die Schuld zuschieben kann, weiß ich nicht, immerhin tragen wir durch unser Konsumverhalten ja auch wesentlich dazu bei, dass so viel gekauft und weggeworfen wird und dass es Menschen in anderen Regionen so schlecht geht.
N: Sie sprechen damit genau das an, warum Nachhaltigkeit nicht nur Umweltschutz ist. Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist eben auch Gerechtigkeit, die gerechte Verteilung von Ressourcen. Da es aber keinen globalen Verteilschlüssel gibt, müssen Strategien und Rahmenbedingungen entwickelt werden, so dass alle Menschen dieser Welt ausreichend Zugang zu Ressourcen haben, um ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu führen.

B: Gut dass Sie den Bogen zur Nachhaltigkeit wieder probieren – wir gleiten wirklich immer vom Thema ab.
N: So kann man das gar nicht sagen, Nachhaltigkeit betrifft einfach viele Themen bzw. alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Und es bringt nichts, einem einzelnen Teilbereich die Schuld zuzuschieben, dazu sind die Teilbereiche viel zu sehr miteinander verflochten. Viel wichtiger – und vermutlich auch vergnüglicher – ist es, Ideen zu entwickeln, wie wir den Umgang mit Ressourcen so verändern können, so dass wir ohne Einbußen an Lebensqualität wesentlich weniger Umwelt verbrauchen bzw. zerstören. Da ist zuerst nach dem „was“ zu fragen: Was könnte man anders machen? Was müsste sich ändern? Was wären Konzepte für einen schonenderen Umgang mit natürlichen Ressourcen? Danach stellt sich natürlich die Frage nach dem „wer“ – also was bedeuten diese Konzepte für die künftigen Handlungsmuster der verschiedenen Akteursgruppen: die Wirtschaft, die Konsumenten, die Medien, die Politik, die Bildungssysteme usf.
K: Das war ja meine Frage vorhin: Was kann ich als Konsument noch tun, außer –  wie schon erwähnt – beim Einkaufen auf Effizienz, öko, bio, saisonal, regional und fair trade zu schauen?
N: Ihre Frage zeigt, wie sehr wir gewohnt sind, „Konsum“ auf Kaufen und daher Konsumenten auf Käufer zu reduzieren. Dabei meint der aus dem Lateinischen stammende Begriff consumere eigentlich ge- und verbrauchen. Wenn wir nun das Gebrauchen, das Verwenden von Gütern in den Vordergrund rücken, tun sich ganz andere und viel mehr Handlungsoptionen für Konsumentinnen auf. Und neben dem Kaufen gibt es auch noch andere Beschaffungsoptionen – leihen, tauschen, teilen. Auch reparieren lassen könnte man dazu zählen.

Der Ruf nach Alternativen

K: Ich tät ja gern öfter was reparieren lassen, aber meist heißt’s entweder, dass man das nicht reparieren kann oder „kaufen Sie sich ein neues Gerät, das kann mehr und ist billiger als die Reparatur“. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als was Neues zu kaufen, das alte wird eh verwertet.
N: Ist das wirklich so? Haben Sie wirklich keine Alternativen?
B: Wir sind freie Bürger in einem freien Land.
K: Irgendwie kann man immer etwas anders machen. Meistens ist das halt mühsamer oder umständlicher oder dauert länger. Das würd ich ja in Kauf nehmen, wenn ich wüsste, was richtig oder besser wäre. Ich denk, das wäre schon die Aufgabe der Wissenschaft.
N: Durch eine Reparatur wird die in das Produkt, seine Komponenten und seinen Transport investierte Energie jedenfalls erhalten und länger genutzt. Beim Recycling hingegen muss zusätzlich Energie investiert werden, um das Produkt zu zerstören und die rezyklierbaren Materialien aufzubereiten. Gleichzeitig war ja für das neue Produkt, das Sie anstelle der Reparatur des Alten gekauft haben, wieder eine Menge Energie und Ressourceneinsatz erforderlich. Das Reparieren, das längere oder wieder Verwenden von Gütern trägt also bei, den Ressourcen-und Energiebedarf zu reduzieren – in diesem Sinn wäre also die Reparatur „richtiger“ als das Wegwerfen und Neukaufen.
K: Das leuchtet ein. Aber warum ist dann eine Reparatur so teuer bzw. wird kaum gemacht?
N: Die Reparatur ist oft teurer als der Kauf eines neuen Produktes, weil sie menschliche Arbeitszeit kostet, und die ist in unserem Land relativ teuer – aufgrund sozialer Errungenschaften wie Pensions-und Krankheitsvorsorge, Arbeitnehmerschutz usf. Das neue Produkt wird entweder maschinell hergestellt, das braucht mehr technische Energie, die viel weniger kostet oder in einem anderen Land, in welchem Menschen ausgenutzt werden, keine sozialen Absicherungen haben und deren Arbeit daher extrem wenig kostet. Dadurch kommt es, dass neue Produkte oft billiger sind, als eine Reparatur. Das hat aber auch zur Folge, dass es sich nicht lohnt, reparierbare Produkte herzustellen, einerseits, weil die Reparatur zu teuer ist und andererseits, weil man dann ja auch Ersatzteile vorhalten muss – und das womöglich für viele verschiedene Modelle und viele Jahre lang.
K: Das erklärt aber noch immer nicht, warum Produkte oft so schnell kaputt gehen, oft nur wegen irgendeiner Kleinigkeit. Da ist doch eigentlich die Wirtschaft schuld.
B: Die Wirtschaft ist ohne Konsument nicht zu denken.
K: Das stimmt. Aber man könnte die Wirtschaft zwingen, langlebige, robuste Produkte anzubieten.
B: Die dann entweder keiner kauft, weil sie zu teuer sind oder die lang vor Ablauf ihrer Lebensdauer weggeworfen werden, weil sie nicht mehr modern sind oder weil die neuen Technologien mehr Komfort, mehr Sicherheit, mehr Flexibilität bieten.

K: Jaaaa – aber was sind nun die Alternativen?
B: Man müsste dafür sorgen, dass sich die Rahmenbedingungen entsprechend ändern. Das ist eigentlich Aufgabe der Politik, aber mühsam, langwierig und abhängig von Machtverhältnissen.
N: Eine andere Möglichkeit wäre eben auch Bedeutungen zu ändern – so wie ich das vorher mit dem Konsum gemeint habe. Wir können ja selbst entscheiden, wie wir uns sehen, ob wir uns auf eine enge Käuferrolle beschränken und unseren Handlungsspielraum auf das Kaufen reduzieren oder ob uns funktionierende Güter wichtiger sind als neue Güter, und in dem Fall erkennen wir, dass sich viele andere Beschaffungsoptionen auftun. Es gibt also fast immer Alternativen, die Frage ist nur, welche wir wählen. So gesehen ist Nachhaltigkeit auch ein Emanzipationskonzept.
B: Das ist eine interessante Sichtweise. Ebenso können sich auch andere Akteursgruppen neu erfinden. Für Bauern gibt’s ja schon länger den Begriff der Landschaftspfleger, manche haben sich zu Energielandwirten oder zu Nahversorgern entwickelt. Dabei sind auch völlig neue Kooperationen und neue Lösungen entstanden. Auch die Akteure der Wirtschaft könnte man neu denken.
N: Klar, wenn man Konsum anders denkt – und anders betreibt  dann kann man nicht, sondern dann muss man eigentlich auch Wirtschaften neu denken. Vielleicht im Sinn von Versorgen oder von Bewirtschaften?

Die Erzählung von einer besseren Welt

B: Das ist ja eigentlich ein konstruktivistischer Ansatz – ich bestimme, was ich mit Konsum meine und wie ich meinen Konsum zufriedenstellend gestalte und schaffe so Wirklichkeit. Aber ist das nicht recht naiv? Mich erinnert das an Kinder, die die Augen zu machen und glauben, in der Wirklichkeit sieht sie keiner.
N: Ein bisschen was Naives ist schon dabei, der Glaube an schöne Geschichten. Nachhaltigkeit ist ja letztlich ein Narrativ von einer besseren Welt.
B: Narrative? Was meinen Sie nun wieder damit?
N: Narrative sind der Rahmen für die Entstehung von Sinnzusammenhängen, die Bedeutung ergeben. Das Entstehen und auch Vergehen von Bedeutung ist eine kollektiver Prozess, der – anders als Politik – nach weniger expliziten Regeln vor sich geht. Irgendwie muss es gesellschaftliche bedeutender sein, statt eines Mobiltelefons ein Smartphone zu haben, sonst würden ja nicht immer mehr Leute eines haben.
K: Das ist aber auch ein praktisches Ding.
N: Ja, und es könnte lange funktionieren. Aber nun kommt ein neues Modell heraus, und plötzlich sieht das bisherige, vertraute, gut funktionierende Ding alt aus. Es verliert an Bedeutung. Neu gilt als besser, hat also mehr Bedeutung. Dies aber nicht einfach so, sondern weil „neu ist besser“ Teil eines Narrativs ist, das man auch mit „Konsumkultur“, mit „Moderne“ oder mit „Wirtschaftswachstum“ übertiteln kann. Narrative sind also der Rahmen, innerhalb dessen jene Bedeutungen und Bedeutungszusammenhänge entstehen, die unsere Bedürfnisse beeinflussen und bestimmen, warum wir etwas gerade so und nicht anders machen. Wenn sich Handlungsoptionen häufen, können sich sich zu Mustern verdichten, die länger beibehalten und auch weitergegeben werden – und das ist letztlich das, was Kultur ausmacht.

K: Wirtschaftswachstum ein Narrativ?
B: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s den Menschen gut…
N: Genau – und das zu glauben ist ja auch reichlich naiv – oder?
K: Ich verstehe – Werbung ist immer eine Geschichte, an die man offensichtlich glaubt, wenn man das Produkt kauft.
B: Da sind wir nun wieder beim Kaufen und weit weg von anderen Handlungsoptionen.
N: Eigentlich nicht. Die eine Frage ist ja, wie wir zu anderen Handlungs- oder wenn Sie wollen Verhaltensoptionen kommen. Und die andere Frage ist, ob und wie diese praktiziert werden, das heißt wie wir diese in unseren Alltag einbetten. Da ist es natürlich entscheidend, wie wir uns selber sehen. Lassen wir uns auf bestimmte eingespielte Muster und Funktionen reduzieren, nach denen wir eben „funktionieren“ müssen, wie ich mit dem Beispiel „Konsum“ zeigen wollte? Oder bestimmen wir selbst, was wir brauchen oder wollen, wie wir diese Bedürfnisse befriedigen? Wir verlangen nicht von anderen, dass sie uns neue Möglichkeiten anbieten, sondern schaffen und nutzen neue Möglichkeitsräume selbst – allein schon dadurch, dass wir unsere Sicht auf uns selbst, genauer auf unsere Rollen ändern.

K: Beispielsweise könnte man als Konsument öfter und eindringlicher Reparaturen einfordern, statt resigniert wegzuwerfen und neu zu kaufen. Oder man sucht sich Tauschmöglichkeiten oder Sharingsysteme. Da fallt mir gleich noch mehr ein: Man könnte sich als Konsument auch als Lieferant sehen, da man ja über wertvolle Ressourcen verfügt, wenn man sie nicht mehr braucht. Und man könnte sich als Produzent sehen, schließlich kann man ja auch eine Menge selber machen. Dann hätte die Wirtschaft weniger Macht über uns. Man steht dann weniger oft vor dem Problem bio oder öko-Design. Oder die Wirtschaft trägt mit ihren Kompetenzen und Möglichkeiten bei, die vorhandenen Ressourcen, den Güterbestand klug zu bewirtschaften und gut zu warten. Ich arbeite ja in einer Firma, die schon mehr Geschäft mit Reifenmanagement als mit Herstellung und Verkauf von Reifen macht. Statt LKW-Reifen an Frächter zu verkaufen, werden die Reifen zur Verfügung gestellt, dank neuer Technologien regelmäßig von uns kontrolliert und gewartet. Abgerechnet wird nach gefahrenen Kilometern. Und wir entscheiden, wann es Zeit ist, die Reifen zu tauschen. Und dann werden diese abgefahrenen Reifen – so die Karkasse in Ordnung ist – hochprofessionell runderneuert, ähnlich wie die Flugzeugreifen, und wieder eingesetzt.

B: Das sind wirklich ziemlich spannende Ideen, die da im Gespräch entstehen. Wie radikal anders das alles ist, müsste man sich in Ruhe durchdenken, vieles ist ja nicht wirklich neu. Man müsste aber vieles ganz anders organisieren, bestimmt Dinge wie das „Haben wollen“, also die Bedeutung von Eigentum hinterfragen. Dazu müsste sich eigentlich unsere ganze Kultur ändern. Und das wäre vermutlich schon radikal.
N: So sehe ich das auch.
B: Ich glaube, ich verstehe langsam, um was es bei der Nachhaltigen Entwicklung geht. Bleibt aber immer noch die Frage nach dem Wie. Wie kann sich eine Gesellschaft entsprechend transformieren?
N: Ich denke es braucht so ein Gespräch wie unseres hier viel öfter und vielleicht auch in organisierter Form. Es sind verschiedene Rollen und deren Handlungsmuster getrennt sichtbar, obwohl jeder alle Rollen in sich irgendwie vereint. Jeder geht mit Rollenkonflikten anders um, hat Ideen und Lösungen. Es braucht also Kommunikations-Prozesse zwischen allen Betroffenen. Diese Prozesse müssten gut eingerichtet und begleitet werden. Es braucht Expertinnen und Experten für Sachwissen und für die Prozessgestaltung. Und dann brauchts eben auch noch Wissen das Orientierung gibt, in welche Richtung sich die Gesellschaft eher nicht oder eher schon entwickeln sollte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen also ihre Theorien, ihre Erkenntnisse über bestimmte Teilbereiche, Phänomene von Welt und Gesellschaft der Gemeinschaft zur Verfügung und zur Diskussion. In diesen Prozessen können für alle Beteiligten neue Perspektiven entstehen, neues Wissen wird gemeinsam generiert und Bedeutung bzw. Relevanz abgewogen.

Wie alles zusammenhängt

B: Wenn es um einen gesellschaftlichen Wandel geht, sind ja irgendwie alle betroffen. Es soll also Wissen und Erfahrung zwischen allen ausgetauscht werden, sodass man eine gemeinsame Sicht und vielleicht neue Perspektiven auf die Verhältnisse bekommt.
K: Da helfen die neuen Medien – Stichwort Smartphone – schon sehr.
B: Ja, ich glaub auch, dass die dadurch möglichen neuen Kommunikationsformen mit vielen Menschen helfen können, dass einerseits eine kollektive Vision entsteht und man sich andererseits gegenseitig in Sachen neuer Handlungsoptionen unterstützt und Gesellschaft so weiter entwickelt. Eigentlich geht’s daher auch um eine Weiterentwicklung der Demokratie.

K: Es geht also um kollektives Lernen.
N: Ich glaub’, Sie haben nun besser verstanden, was mit Nachhaltigkeit gemeint sein kann, als ich das je erklären hätte können.
B: Möglich. Ich versuch‘s zusammenzufassen:

  1. Wir müssen die Art, wie wir unsere Bedürfnisse befriedigen, radikal ändern, es braucht also neue Handlungsoptionen, die zu Routinen werden.
  2. Da helfen effizientere oder andere Technologien wenig, wenn sie nicht neue Handlungsoptionen erschließen, für die man sich dann auch entscheiden müsste.
  3. Wenn einzelne das tun, ändert sich aber wenig, weil sich die Verhältnisse nicht ändern.
  4. Verhältnisse ändern sich infolge kollektiver Prozesse, eigene und fremde Rollenbilder bestimmen diese Prozesse ganz wesentlich.
  5. Die bisherigen Rollenbilder als Konsument, Arbeitnehmer, Elternteil oder Bürger, die einen ganz schön oft in widersprüchliche Situationen bringen, sollten in Hinblick auf Erweiterung der Handlungsoptionen neu gedacht oder zumindest hinterfragt werden.
  6. Neue Handlungsoptionen werden aber nur dann gewählt werden, wenn sie Sinn stiften.
  7. Dazu müssen sie einerseits einen konkreten, situationsspezifischen Zweck erfüllen und andererseits irgendwie zu etwas Raum und Zeit Übergreifendem beitragen, das man selbst und die Gesellschaft für wichtig hält – und daher auch belohnt.
  8. Dieser Sinn ergibt sich aber erst über Bedeutungszusammenhänge und diese entstehen durch Narrative.

K: Tja, es muss sich offenbar viel verändern, damit das (zeigt auf die Landschaft vor sich) erhalten bleibt.

Autorin

SSc. Mag. Dr. Renate Hübner: Leitung des Forschungs- und Studienbereichs Kulturelle Nachhaltigkeit am IUS der IFF-Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Alpen-Adria Universität Klagenfurt
Forschungsschwerpunkte: Angewandte Nachhaltigkeitsforschung, Konsum und materielle Kultur, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Interventionsorientierte Nachhaltigkeits- und Verbraucherforschung

Mehrjährige Lehrtätigkeiten an der Universität Kassel, am BFI Graz, der FH Technikum Wien, der Universität Klagenfurt und der FH Kärnten.

Aktueller Arbeitsschwerpunkt: „Nachhaltigkeit konkret“: Interventionsorientierte Nachhaltigkeits- und Verbraucherforschung, Etablieren von Nachhaltigkeit in der universitären Lehre

Publikationen und Vorträge 

Auszeichnungen:  Ecodesign Anerkennungspreis (1996), Sustainability Award (2008 und 2014)

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