Wie können wir Nachhaltigkeit bewerten?

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Nachhaltigkeit bewerten

Es gibt zahlreiche Orientierungshilfen und Regelwerke für die Nachhaltigkeit von Unternehmen: GRI-Berichte, Gemeinwohlbilanzen, die ONR 192500, das B-Corp-Assessment, den Trigos – und viele mehr.

Leider stehen all diese Standards und Bewertungsmodelle nebeneinander und betreffen jeweils nur einen kleinen Prozentsatz aller Unternehmen. Ein Überblick über Branchen oder Vergleiche sind kaum möglich. Wie viele Unternehmen sind nachhaltig? Wir wissen es nicht. Auch das Subziel 12.6 der Sustainable Development Goals (SDG) – „Unternehmen sollen nachhaltig agieren und darüber berichten“ – kann nicht gemessen werden. Das ist schade, weil damit die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu wenig als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden kann: beim Einkauf, bei der Jobsuche, bei Geschäftsbeziehungen oder bei politischen Maßnahmen.

Manche begrüßen das, weil Unternehmen dadurch weniger unter Druck geraten, sich mit Nachhaltigkeit auseinander setzen zu müssen. Für die Gesellschaft insgesamt ist es aber nachteilig. Vor allem für jene Menschen und Organisationen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung bewusst leben oder sich sogar als Vorreiter engagieren. Daher sollten wir versuchen, das zu ändern.

Wie aber kann die Nachhaltigkeit aller Unternehmen erfasst und bewertet werden? Dabei geht es vor allem um zwei Fragen:

  • Wann ist ein Unternehmen nachhaltig?
  • Wer soll/darf das bewerten?

Lösungsansatz: Stakeholder-Einbindung

Das Bewerten der Nachhaltigkeit von Unternehmen ist jedenfalls ein komplexes Unterfangen. Das ist keine einfache Ja/Nein-Frage, sondern verlangt verschiedene Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln. Daher drängt sich auch ein Lösungsansatz auf: Nur die Gesamtheit der Stakeholder verfügt über den notwendigen Einblick und die Legitimation, die Nachhaltigkeit „ihres“ Unternehmens zu bewerten. Sie alle sind daher einzubeziehen. Die zahlreichen internen und externen Stakeholder – von Eigentümer:innen und Investor:innen über Management, Belegschaft, Lieferant:innen, Kund:innen und Geschäftspartner:innen bis zu allen weiteren betroffenen bzw. involvierten Personen und Organisationen aus Politik und Behörden, Wissenschaft und Bildung, Zivilgesellschaft und Medien – sie alle sollen bzw. dürfen mitwirken, und zwar entsprechend ihrer spezifischen Rolle und Kompetenz.

Alle relevanten Standards wie GRI, ISO 26000, SRS, AA1000 oder SDG Impact Standards fordern auch diese Einbindung bzw. geben vor, dass Nachhaltigkeitsberichte allen Stakeholdern als Grundlage ihrer Assessments dienen sollen. Allerdings: Über 99% der Unternehmen veröffentlichen gar keinen Bericht, und die geforderte Einbindung funktioniert in der Praxis nur mangelhaft. Diese erfolgt entweder in Form (zu) einfacher Umfragen, dann sind die Ergebnisse nicht belastbar, oder in Form (zu) aufwändiger Dialoge, dann sind diese nicht mehr praktikabel sobald sie zu viele Unternehmen umsetzen. Ein paar Tausend jährliche Stakeholder-Councils wären für viele Beteiligte wohl nicht mehr akzeptabel.

Komplexe Sachverhalte bewerten

Wir brauchen also neue, verbesserte Modelle für das Einbeziehen der Stakeholder. Gesucht sind Instrumente, mit denen effektiv und effizient eine gemeinsame Bewertung komplexer Sachverhalte vorgenommen werden kann. Dabei ist zu beachten, dass Stakeholder über unterschiedliche Kompetenzen und Motivationen verfügen. Die von ihnen eingebrachten Daten und Wertungen sind daher selbst einer Wertung zu unterziehen und in der Folge zu gewichten – was wiederum einen Diskurs über die Regeln der Gewichtung erfordert. Wir alle kennen Beispiele missbräuchlicher Bewertungen – sei es durch unangebrachte Kritik oder Schönfärberei. Datenquellen sind daher hinsichtlich ihrer Qualität und Glaubwürdigkeit zu überprüfen und einzuordnen.

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, der das gemeinsame Bewerten vor besondere Herausforderungen stellt: unsere Vielfalt! Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der wir viele Werte teilen – viele aber auch nicht. Ein völlig gleichgeschaltetes Beurteilen kann es daher nicht geben. Vielmehr brauchen wir ein Modell, das individuelle Anpassungen erlaubt – und zwar wiederum im Rahmen einer gemeinsam festgelegten Bandbreite.

Insgesamt bedeutet das, dass wir einerseits nur unter Einbeziehung aller relevanten Stakeholder eine belastbare Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen vornehmen können, andererseits dieses Einbeziehen aber nach ganz bestimmten Regeln erfolgen muss. Diese Regeln wiederum müssen von den Stakeholdern getragen werden, was ihr Mitwirken beim Erstellen erfordert.

Daraus ergibt sich folgender erweiterter Lösungsansatz: Das Bewerten der Nachhaltigkeit von Unternehmen kann nur durch ihre Stakeholder erfolgen, und zwar auf der Grundlage gemeinsam erarbeiteter Regeln.

Nachhaltigkeit bewerten
Nachhaltigkeit bewerten – Stakeholder, gemeinsam erarbeitete Regeln, Algorithmen

Machen wir Nachhaltigkeit sichtbar!

Wenn wir alle – in unseren vielfältigen Rollen – die Nachhaltigkeit von Unternehmen sichtbar und vergleichbar machen wollen, dann können wir das! Gemeinsam sind wir in der Lage, eine Plattform zu gestalten, auf der alle Menschen die Nachhaltigkeit von allen Unternehmen erkennen – und an der Bewertung „ihrer“ Unternehmen mitwirken können.

Dieses Ziel ist sicher nicht einfach zu erreichen, aber es ist lohnenswert! Und wir brauchen dazu nur drei Dinge:

  1. Ein gemeinsames Verständnis davon, was Nachhaltigkeit von Unternehmen ausmacht
  2. Einen gemeinsamen Ort, an dem wir Daten, die etwas über die Nachhaltigkeit von Organisationen aussagen, zusammenführen: Zertifikate und Auszeichnungen, Kennzahlen aus den Bereichen Umwelt und Gesellschaft sowie Ratings und Bewertungen seitens unterschiedlicher Stakeholder
  3. Gemeinsame Regeln, wie diese Daten und Datenquellen gewichtet und zu einem „Nachhaltigkeits-Index“ zusammengeführt werden

In den vergangenen Jahren konnten bereits zahlreiche Erfahrungen mit der Bewertung von Nachhaltigkeit, von Labels, aber auch von Arbeitgeber:innen, Lieferant:innen oder Restaurants u.v.m. gesammelt werden. Das bietet eine hervorragende Grundlage für das gemeinsame Gestalten einer Bewertungsplattform für die Nachhaltigkeit aller Unternehmen.

Aufruf zum österreichweiten Diskurs!

Dieses Vorhaben verlangt einen breiten öffentlichen Diskurs – und der startet jetzt! Im Rahmen eines von der FFG geförderten und von vielen Vorreiter-Unternehmen unterstützten Open-Innovation-Projekts wird jetzt ein „Nachhaltigkeits-Index“ erarbeitet, an dem alle mitwirken können. Auch die Austria Glas Recycling ist mit dabei! Organisator des Projekts ist die 2019 gegründete Non-Profit-Organisation FuturAbility.

Alle Nachhaltigkeits-Interessierte sind aufgerufen, diesen Index mitzugestalten und gemeinsam festzulegen, wie die Nachhaltigkeit von Unternehmen festgestellt und bewertet wird.

Aktuelle Informationen dazu gibt es auf https://www.mitwirken.at/. Dort können sich auch alle Interessierte zum Mitwirken registrieren.

Autor

Leo Hauska ist Vorstand der FuturAbility eG, geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung Hauska & Partner Group und Lehrbeauftragter an Universitäten und Fachhochschulen zu den Themen Stakeholder-, Nachhaltigkeits- und Wirkungsmanagement sowie Strategieentwicklung.

Über FuturAbility

Die FuturAbility eG ist eine 2019 gegründete Non-Profit-Organisation. Als wirkungsorientierte Genossenschaft ist sie dem Rückenwind-Förderungs- und Revisionsverband angegliedert. Unternehmenszweck ist das kollaborative Planen und Umsetzen von Projekten zur Unterstützung der nachhaltigen Entwicklung.

Links

www.futurability.coop

www.mitwirken.at

Es geht ums Geld – Die wunderbare Welt des Glasrecyclings

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