Digi-Cycle – wie man mit einer App gemeinsam besser trennt

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Felix Badura, Digi-Cycle

Am Anfang steht die Auster

Der Beginn der modernen Mülltrennung wird oft im Jahr 1883 verortet. Damals erließ der städtische Beamte Eugène Poubelle ein Dekret, welches Pariser Hauseigentümer dazu verpflichtete, den Hausbewohnern Behälter für Ihren Müll bereit zu stellen. Schon damals mussten Porzellanscherben, Glas und Austernschalen (!) getrennt von anderen Abfällen gesammelt werden. Mit der Einführung dieser Trennpflicht schaffte es der findige Beamte sich (zumindest in der Sprache) zu verewigen – noch heute werden Mistkübel im Französischen als „poubelles“ bezeichnet.

Das Prinzip der getrennten Sammlung hat sich seitdem immer weiter verfeinert und ist auch heute noch in zahlreichen Gesetzen verankert (bspw. im deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetz oder §1 des österreichischen Abfallwirtschaftsgesetzes). Erst 2020 hat bspw. die Stadt Wien die Strafen für Fehlwürfe erhöht und auch damit begonnen, fahrlässiges Verhalten zu ahnden (davor konnte nur dann gestraft werden, wenn ein Vorsatz nachweisbar war).[1]

Hohe Teilnahmerate bei der getrennten Sammlung von Abfällen – und dennoch Luft nach oben

Auch wenn das Gesetz den politisch gewünschten Rahmen festlegt, kann man jedoch glücklicherweise festhalten, dass ein Großteil der Bürger die getrennte Sammlung unabhängig von diesem Rechtszwang als sinnvollen Beitrag zur Erhaltung von Rohstoffen versteht und sich aus intrinsischer Motivation heraus an der Mülltrennung beteiligt. So zeigte bspw. eine im Dezember 2021 von der ARA durchgeführte Studie[2], dass 98 Prozent der Befragten angeben, dass sie bspw. Altpapier getrennt sammeln. Auch bei Glasverpackungen (97% der Befragten), Kunststoffgetränkeflaschen (91%) und Verbundkartons (76%) geben zahlreiche Studienteilnehmer eine hohe Trennbereitschaft an. Sieht man sich die Statistiken zu den tatsächlich erreichten Sammelmengen an, liegen die Werte durchgängig etwas tiefer. Speziell bei Kunststoffverpackungen sind auf mehreren Stufen der Wertschöpfungskette noch Anstrengungen erforderlich, um die steigenden Ziele des EU Kreislaufwirtschaftspaketes auch in Zukunft zu erfüllen.

Korrekte Entsorgung belohnen – mit der Digi-Cycle App

Im Juli 2021 hat die ARA gemeinsam mit dem Entsorgungsunternehmen Saubermacher in einem Pilotprojekt im steirischen Gnas getestet, ob durch digital vergebene Anreize die getrennte Sammelleistung gestärkt werden kann. In Kooperation mit führenden Abfüllern (Brauunion, Coca Cola, Rauch, Red Bull und Vöslauer) erhielten teilnehmende Bürger der Gemeinde Gnas rechtzeitig zum Sommerstart einen Getränkevorrat. Die ausgegebenen Flaschen und Dosen waren dabei jeweils mit einem eindeutigen QR-Code ausgestattet. Der Ablauf für die Teilnehmer erfolgte in drei Schritten:

  1. Abscannen des eindeutigen Codes der Verpackung
  2. Nachweis der korrekten Entsorgung durch Scannen eines Codes auf dem dazu passenden Abfallbehälter (Gelber Sack, Gelbe Tonne bzw. Blaue Tonne)
  3. Die Punkte werden gutgeschrieben und können für Prämien bei lokalen Einlösepartnern eingesetzt werden.

Sämtliche öffentliche Sammelstellen der Region wurden vor dem Test über ihre GPS-Koordinaten verortet bzw. ebenfalls mit einem aufgeklebten QR-Code ausgestattet.

Positives Nutzerfeedback und messbare Auswirkungen

Nach drei Monaten konnte eine positive Bilanz gezogen werden: jeder 6. Haushalt in der Testregion hat die Digi-Cycle App zur nachweislichen Entsorgung eingesetzt. Um auch das direkte Feedback der BürgerInnen zu erhalten wurden die Benutzer jeweils binnen zwei Wochen nach ihrer erstmaligen App-Verwendung mittels einer Online-Umfrage zu ihrer Nutzererfahrung befragt. Auf einer Skala von 1 bis 6 wurde die Benutzerfreundlichkeit der einzelnen Prozessschritte im Mittel mit Werten zwischen 1,3 und 1,5 bewertet. Um die Effekte auch im Hinblick auf die tatsächliche Zusammensetzung des Restmülls bewerten zu können, wurden vor dem Beginn der Verteilung (Juni) und gegen Ende (September) eine Sortieranalyse der Restmüll Sammeltour der Region durch ein technisches Ingenieursbüro durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass der Anteil der PET-Getränke-Flaschen im September gegenüber Juli um rund 22 Masse-% zurück gegangen ist.

Digi-Cycle 2.0 – Information und Incentive

Auf Basis der gewonnen Erfahrungen wurde die Digi-Cycle App nach dem Pilotprojekt konsequent weiter entwickelt, um auch über Getränkeverpackungen hinaus mittels Digitalisierung den häufigsten Recycling-Hürden zu begegnen. Dabei steht Information an erster Stelle. Speziell bei Verpackungen aus verschiedenen Materialien wissen Konsumenten oft nicht, wie diese aufzutrennen sind, und wo anschließend die einzelnen Komponenten zu entsorgen sind. Die regional unterschiedlichen Sammelfraktionen erleichtern dies nicht unbedingt. So dürfen beispielsweise Joghurtbecher in den Salzburger Umlandgemeinden in die gelbe Tonne, während sie in Salzburg Stadt noch im Restmüll entsorgt werden. Der vorher abgetrennte Aludeckel wiederum gehört in Salzburg in die blaue Tonne, während er in Wien in die die gelbe Tonne darf. Zwar sind mit Jahreswechsel 2023 (und später 2025) hier Vereinfachungen geplant, angesichts dessen, dass sich dadurch für über die Hälfte der Österreicher Umstellungen ergeben, steigt der Informationsbedarf kurzfristig jedoch tendenziell sogar an.

Orts- und produktspezifische Trenn- und Sortierhinweise

Hier setzt der Digi-Cycle Recycling Guide an. Nachdem Benutzer der App über die Textsuche einen Produkttyp (bspw. Kaffeekapsel aus Aluminium) oder mittels Barcode-Scan ein konkretes Produkt ausgewählt haben, zeigt der Recycling Guide, wie die Verpackung in der jeweiligen Region aufgetrennt und korrekt entsorgt gehört um die Wertstoffe dem Recycling zuzuführen. Zudem erhalten Nutzer der App ohne sich registrieren zu müssen Infos zu den umliegenden Sammelstellen, was insbesondere beim Außer-Haus-Konsum oder für seltene Sammelschienen (bspw. Batterien, Kaffeekapseln oder Gaskartuschen) hilfreich ist.

Schritt für Schritt Anleitung zum richtigen Entsorgen

App Digi-Cycle – Anleitung zum korrekten Entsorgen

Wenn Information nicht reicht

Bei Konsumenten, welche den Aufwand der getrennten Sammlung scheuen, wird wieder auf Incentives gesetzt, um die Recyclingbereitschaft zu erhöhen. Teilnehmende Unternehmen können dabei gezielt Challenges zur Steigerung des Recyclings unterstützen oder auch eigene Produkte als Incentives anbieten Im Rahmen der Vorstellung der incentivierten Recycling-Aktionen in der App wird jeweils auch dargelegt, was mit dem gesammelten Material passiert, um demotivierenden Recycling-Mythen („das wird doch sowieso alles verbrannt“) vorzubeugen.

Das Ziel der App ist es, Nutzer auf informative und unterhaltsame Weise, durch praktische Hinweise bzw. gezielte Kampagnen, in ihrem Entsorgungsalltag zu unterstützen. Indem dadurch mehr Sekundärrohstoffe die richtigen Sammelschienen erreichen, profitiert nicht nur die Umwelt, sondern mittelfristig auch die Industrie von einer besseren Verfügbarkeit hochwertige Rezyklate.

Worin sich dabei Abfallwirtschaft und Informatiker einig sind: Jeder Beitrag zählt!

Autor

Felix Badura hat seine Ausbildung an der WU-Wien begonnen, wo er nach dem Studium noch mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Transportwirtschaft gearbeitet hat bevor er mit drei Freunden in Berlin ein Online-Startup gegründet hat. Nach 10 Jahren im Digitalumfeld hat er seine Anteile verkauft und sich nach einem BOKU-Studium zu nachwachsenden Rohstoffen dem Bereich Circular Economy zugewandt, zuerst als Stabstelle für Digitalisierungsprojekte innerhalb der ARA und seit 2022 als Geschäftsführer bei der neu gegründeten Digi-Cycle GmbH.

Links

www.digi-cycle.at

ARA | Pilotversuch „digi-Cycle“ mit Saubermacher

glasartig: eine App ist eine App ist eine App – Die wunderbare Welt des Glasrecyclings


[1] Neu: Strafe für falsche Müll-Entsorgung in Wien – egal ob vorsätzlich oder nicht – Wien Aktuell – VIENNA.AT

[2] ARA | Österreicher:innen verwenden zwölf Minuten pro Woche für Mülltrennung (n=1.065 Österreicher ab 14 Jahren)

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