ARTgerechter Konsum zwischen Maß und Maßlosigkeit? Zwischen Suff und Suffizienz?

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Renate Hübner - Forscherin mit Schwerpunkt transformativer Konsum

Der Diskurs über nachhaltigere Konsumformen füllt vermutlich schon Bibliotheken bzw. Festplatten ‑ und bewegt sich im Wesentlichen zwischen drei Schwerpunkten:

  1. Den Ansätzen des Maßhaltens (Diskurse dazu lassen sich bis weit in die Antike zurückverfolgen und sind auch wesentliche Elemente in allen Religionen),
  2. Den Ansätzen der sozial und ökologisch begründeten Konsumkritik (insbesondere seit dem 20. Jahrhundert) hinsichtlich verschiedener Dimensionen (Kritik an Konsum als Haltung, als Lebensweise – sh. Fromm – Haben oder Sein, an Konsum als Lebensinhalt – „seit wir den Himmel ausgeräumt haben“ gilt „ich – alles – jederzeit und überall“ – das Versprechen einer völlig liberalen Marktwirtschaft, Kritik an der Maßlosigkeit des Konsums und der damit verbundenen ökologischen und sozialen Verwerfungen uvam.)
  3. Und schließlich den Diskursen über alternative Konsumformen, die häufig auf zivilgesellschaftliche Initiativen zurückgehen, die dem vereinnahmenden „Kapitalismus“, der Abhängigkeit von „Märkten“ und dem „Wachstumszwang“ etwas entgegensetzen wollen.

Die Frage, die sich in einer Zeit der Sinnsuche, der Sättigung und multipler Krisen stellt, ist: Welche Art Konsum ist artgerecht, also der menschlichen Wesenheit entsprechend?

Verzicht und/oder alternativer Konsum?

Der Verzicht ist dem Menschen vertraut, war es doch entwicklungsgeschichtlich betrachtet überlebensnotwendig, gut mit Mangel umzugehen, Überfluss gab‘s seltener. Die Kritik, also die Fähigkeiten zum Bestehenden, zu Routinen und Verhältnissen in Differenz zu treten, diese zu hinterfragen und darüber zu kommunizieren, ist noch viel mehr Wesensmerkmal des Menschen ‑ ein schier unendliches Spektrum des Kritisierens wird zwischen Stammtisch und wissenschaftlicher Analyse praktiziert. Die Alternativen schließlich verweisen auf das spezifische Potenzial des Menschen als „Freigelassener der Natur“ immer wieder neu anfangen, vieles anders machen zu können, Welt und Gesellschaft zu verändern. Doch ist das „Andere“, das „Neue“ immer auch schon das Bessere im Sinn einer nachhaltigen Entwicklung? Diese Entscheidung kann nicht (nur) individuell, muss auch kollektiv getroffen werden und braucht vor allem Zeit. Inwiefern stehen folgende Merkmale der sogenannten „Alternativen Konsumformen“ für artgerechten Konsum?

Sharing-Modelle, Do-it-yourself, solidarischer Konsum, kollaborativer Konsum, Repair-Cafés usf. heben die für die Industrialisierung typische Trennung von Konsum und Produktion auf. Hier wird der Gebrauchswert eines Gutes wichtiger als sein Tauschwert. Auch Talentetauschkreise, Kleiderkreisel und andere C2C-Plattformen (Willhaben, ebay, fragnebenan usf.) basieren auf diesen „alternativen“ Prinzipien. Es wird deutlich, dass Konsum weit über das Kaufen von Gütern hinausgeht: Konsum umfasst auch das Nutzen, das Reparieren, die Wartung, das Teilen und Tauschen, das den Dingen Bedeutung geben, das Bereitstellen, und dass das Gemeinsame ‑ kollaborativ und/oder solidarisch – Merkmal vieler sogenannter „Halbinseln gegen den Strom“ (Habermann, 2009) sind.

Vom Wesen des ‘Konsum-Menschen’

Wofür stehen diese sogenannten alternativen Konsumformen? Welche Signale deuten auf das Wesen des Menschen hin?

  1. Verklärung der Vergangenheit: Viele dieser alternativen Konsumformen gehen auf Praktiken früherer Zeiten zurück, sind häufig auch an Nachhaltigkeit orientiert und gelten interessanterweise dennoch aus verschiedenen Gründen als “modern”. Dies kann an der digitalen Unterstützung liegen, ohne welche diese Praktiken heute kaum denkbar wären.
  2. Beschleunigung: Die Digitalisierung trägt allerdings nicht nur dazu bei, dass lokale Initiativen aus kleinen Nischen wachsen, überregional sichtbar und wirksam werden können. Die Digitalisierung befördert damit aber auch das Mehr und das Schneller ‑ dies steht wiederum einer nachhaltigen Entwicklung entgegen.
  3. Anonymität: Die Zunahme alternativer Konsumformen und innovativer Geschäftsmodelle deutet auf eine Sehnsucht, der – vielleicht nicht artgerechten –  Anonymität industriekapitalistischer Marktformen etwas entgegenzusetzen.

Vielleicht ist nachhaltiger Konsum dann „artgerecht“ wenn er die Anonymität des Massenkonsums von Massenprodukten überwinden hilft und zur Entschleunigung des Alltags beiträgt.

Konsum neu denken – 5. Symposium

Kann Mensch Suffizienz? Ist Genügsamkeit die „richtige“ Antwort auf der Suche nach „artgerechtem Konsum“? Und wie können Geschäftsmodelle diesen neuen Trend befördern? Diesen und weiteren Frage wird im Rahmen des 5. Symposiums „Konsum neu denken“ an der Universität für Bodenkultur von 22. bis 23. September 2022 nachgegangen:  https://boku.ac.at/wiso/mi/5-symposium-konsum-neu-denken

C U There!
Renate Hübner

Autorin

SSc. Mag. Dr. Renate Hübner: Leitung des Forschungs- und Studienbereichs Kulturelle Nachhaltigkeit am IUS der IFF-Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Alpen-Adria Universität Klagenfurt
Forschungsschwerpunkte: Angewandte Nachhaltigkeitsforschung, Konsum und materielle Kultur, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Interventionsorientierte Nachhaltigkeits- und Verbraucherforschung

Mehrjährige Lehrtätigkeiten an der Universität Kassel, am BFI Graz, der FH Technikum Wien, der Universität Klagenfurt und der FH Kärnten.

Aktueller Arbeitsschwerpunkt: „Nachhaltigkeit konkret“: Interventionsorientierte Nachhaltigkeits- und Verbraucherforschung, Etablieren von Nachhaltigkeit in der universitären Lehre

Auszeichnungen:  Ecodesign Anerkennungspreis (1996), Sustainability Award (2008 und 2014)

Publikationen und Vorträge

Beiträge auf www.glasrecycling.at

Nachhaltiger? Nein: transformativer Konsum! www.glasrecycling.at | Die wunderbare Welt des Glasrecyclings
Nachhaltigkeit im Alltag zwischen Ideologie, Aktionismus und Wissenschaft – Die wunderbare Welt des Glasrecyclings

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